Fair sein und nachhaltig leben – aber nicht übertreiben!

Jeder einzelne von uns kann als Verbraucher in seinem Alltag Fairness und Nachhaltigkeit fördern. Wenn man es jedoch übertreibt und seine Ansprüche zu hoch ansetzt, wird man daran nicht lange festhalten können und anderen kein wirksames Vorbild sein.

Wer den Wunsch hat, ökologisch korrekt zu handeln und durch seine Entscheidungen als Konsument nicht Ausbeutung von Mensch und Tier, sondern einen respektvollen Umgang zu fördern, hat es nicht leicht. Schon am frühen Morgen nimmt man in vielfältiger Weise Einfluss auf Mensch, Tier und Natur.

 

Bleibt der Becher besser leer?
Bleibt der Becher besser leer? | Foto: Redaktion

Möglicherweise beginnt der Tag damit, den Wasserkocher einzuschalten, um sich einen Tee zuzubereiten. Daran hängen Entscheidungen, die Konsequenzen haben. Vielleicht stammt der Tee aus ökologischem Anbau und wurde daher auf den Einsatz gefährlicher Pestizide verzichtet. Eventuell handelt es sich um Fairtrade-Produkte, sodass man in dieser Hinsicht kein schlechtes Gewissen haben muss. Aber wie steht es um die Arbeitsbedingungen des Paketfahrers, der einem den nachhaltig und fair angebauten Tee nach Hause geliefert hat?

Viele Fragen bleiben offen

Den Strom für den Wasserkocher mag man von einem Ökostromanbieter beziehen, doch über die Arbeitsbedingungen in der Fabrik in Ostasien, in der er hergestellt wurde, hat man sich beim Kauf keine Gedanken gemacht. Welche Umweltstandards dort wohl gelten – und werden sie eingehalten? Denkt man einen Schritt weiter, hat man womöglich schon Bedenken, ob man Waren kaufen sollte, die einer Diktatur hergestellt wurden.

Und worüber man sich rund um die Herstellung des Wasserkochers noch alles Gedanken machen könnte! Vor Ort wird schließlich ebenfalls Strom benötigt, es werden Rohstoffe aus weiteren Ländern importiert, deren Transport mit militärischen Mitteln gegen Piraten vor der Küste Afrikas geschützt wird, die aber nur Piraten geworden sind, weil mit Steuermitteln subventionierte europäische Fischfangflotten ihnen ihre frühere Lebensgrundlage als Fischer entzogen haben. Ich werde das jetzt nicht weiter fortspinnen und möchte auch nicht den Eindruck erwecken, als könnte man das alles so einfach in gutes und böses Verhalten einteilen.

Gutes Gewissen dank Ignoranz

Ich wollte verdeutlichen, dass man sich ein vollkommen reines Gewissen nur mit einer gehörigen Portion Ignoranz leisten kann. Als Einzelner ist es schlicht unmöglich, „alles richtig“ zu machen. Das soll keine Ausrede dafür sein, die eigenen Ansprüche hinsichtlich Fairness und Nachhaltigkeit auf ein bequem zu handhabendes Minimum zu schrumpfen. Unsere globalisierte Welt ist ein ausgesprochen komplexes System, und wir sind ein Teil davon. Wir können uns nicht davon abkoppeln, falls uns bei näherer Betrachtung das Ausmaß der Misstände so abschreckt, dass wir „mit all dem“ nichts mehr zu tun haben wollen.

Von heute auf morgen kein „böser“ Konsument mehr zu sein, sondern einer, der alles richtig macht, das funktioniert nicht. Ich finde es sehr wichtig, das zu akzeptieren und sich auf das Machbare zu beschränken. Sind die eigenen Ansprüche zu hoch, verdirbt man sich zuerst die eigene Lebensfreude. Zu pflichtbewusst zu sein, um Spaß zu haben, damit lässt sich zumindest das eigene Ego aufwerten. Es besteht aber die Gefahr, dass man auf Dauer nicht dabei bleibt, wenn man zu viel auf einmal will. Damit ist das eigene Streben nach Nachhaltigkeit selbst nicht nachhaltig.

Zum Vorbild werden

Nicht übersehen sollte man außerdem, dass Vorbilder attraktiv auf andere wirken müssen. Soll ökologisch korrektes und soziales Handeln nicht in erster Linie der Gewissensberuhigung dienen oder für ein Gefühl der moralischen Überlegenheit sorgen, sondern geht es einem um die Sache, ist es entscheidend, andere Menschen dafür zu gewinnen. Deshalb ist es wichtig, ein wenig zu missionieren.

Ein Beispiel: Es hilft niemandem, wenn man als Vegetarier die Fleischesser am Tisch mit scharfen Worten angreift. Doch es gibt keine bessere Gelegenheit als eine gemeinsame Mahlzeit, um Misstände rund um den Fleischkonsum anzusprechen. Meiner Erfahrung nach muss man dieses Thema anderen überhaupt nicht aufdrängen, weil sich ein Gespräch oft schon ergibt, wenn die Fleischesser mitbekommen, dass man selbst völlig auf Fleisch verzichtet.

Jeder Beitrag zählt – aber es braucht mehr

Ob man auf etwas verzichtet oder sich aktiv für etwas einsetzt, man leistet damit einen Beitrag. Egal, um was sich handelt – selbst wenn jeder dem eigenen Beispiel folgen würde, wäre das nicht die Lösung für alle Probleme auf der Welt. Bei dem einen Pluspunkt in der eigenen Lebensbilanz sollte man es daher nicht belassen. Dennoch kann sich nicht jeder um alles kümmern, schon gar nicht um alles auf einmal!

Das Entscheidende ist meiner Ansicht nach, das zu tun, was man selbst leisten kann, ohne zu hoch hinaus zu wollen. Dabei sollte man die eigenen Talente und Fähigkeiten einsetzen und den eigenen Neigungen folgen, denn so wird man am meisten bewirken. Wo die Messlatte anzulegen ist, wie viel man von sich selbst verlangen sollte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Rat lautet: lieber bescheiden anfangen, aber konsequent dabei bleiben und sich langsam steigern.

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