Fastenzeit: Sieben Wochen Verzicht

Was Fasten heißt, weiß ich seit meiner Kindheit. Meine beste Freundin war katholisch und kam um den siebenwöchigen Verzicht in der Fastenzeit nicht herum. Sie musste für 40 lange Tage auf jegliche Süßigkeiten verzichten, was ihr schrecklich schwerfiel. Entsprechend groß war die Erleichterung, als das Fasten zu Ostern endlich vorbei war.

Süße Verlockung: Schokoladentafel mit viel Kakao
Süße Verlockung: Schokoladentafel mit viel Kakao (Foto: Lee McCoy)

Bei mir verhielt sich die Sache ganz anders. Ich machte mir ohnehin nichts aus süßem Kram. Mich solidarisch mit meiner Freundin zu zeigen und ebenfalls sieben Wochen lang auf Süßigkeiten zu verzichten, war für mich daher eine ausgesprochen leichte Übung. Nach außen hin stand ich aber mit meinem „eisernen Durchhaltevermögen“ richtig gut da.

Fasten als Qual?

Diese Art des Fastens ist allerdings ziemlich unbefriedigend. Obwohl ich noch ein Kind war, kam ich mir beim „Schau-Fasten“ irgendwie schäbig vor. Schon bald hielt ich daher nach anderen Dingen Ausschau, auf die ich versuchen wollte, sieben Wochen lang zu verzichten. Ich war auf der Suche nach dem echten Verzicht. Denn so sehr sich meine Freundin durch die lange Süßigkeiten-freie Zeit quälen musste, so sehr bewunderte ich sie auch für ihre enorme Anstrengung.

Die Fastenzeit verweist auf biblische Motive wie etwa das vierzigtägige Fasten von Jesus Christus in der Wüste
Die Fastenzeit verweist auf biblische Motive, wie etwa das vierzigtägige Fasten von Jesus Christus in der Wüste (Bildquelle: Henry Ossawa Tanner, The Savior, um 1900)

Im Laufe der Jahre habe ich in der Fastenzeit auf allerlei Dinge verzichtet, die mir wichtig erschienen. Manches fiel mich leichter als anderes. Aber ich bin mir sicher, dass ich niemals so sehr beim Fasten gelitten habe wie meine Freundin, die so gerne Süßes isst. Sie hat auf jeden Fall schon in ihrer Kindheit erfahren, was Verzicht bedeutet.

Übrigens hat sie sich als Erwachsene offenbar mit ihrer Vorliebe für süße Dinge angefreundet. Heute ist keine Rede mehr davon, auf Süßigkeiten zu verzichten. Die Fastenzeit spielt aber immer noch eine wichtige Rolle im Leben meiner Freundin, obwohl sie längst nicht mehr zur Kirche geht. Heute verzichtet sie auf Dinge, die ihr den Blick auf das Wesentliche verstellen.

Häppchen-Fasten

Eine ganze Menge vorgenommen hat sich eine andere Freundin. Sie möchte in der Fastenzeit auf Fleisch, Alkohol, Koffein, Fernsehen, Plastik, Autofahrten und Zucker verzichten. Allerdings plant sie sozusagen ein Fasten in Häppchen. Eine Woche gibt es kein Fleisch, eine Woche keinen Alkohol, eine Woche kein Koffein und so weiter. Inzwischen sind ihr noch mehr Dinge eingefallen, auf die sie in der Fastenzeit jedenfalls kurzzeitig verzichten möchte. Vielleicht wird also aus dem Wochenrhythmus noch eine Drei-Tage-Fasten.

Das klingt ein bisschen so wie das Fasten in meiner Kindheit, als ich auf etwas verzichtete, das mir gar nicht fehlte. Denn so ganz ernstzunehmen ist ja so ein wochenweiser Häppchen-Verzicht nicht. Allerdings erklärte mir die Freundin, sie werde ihre Fastenzeit als Testwochen verstehen. Sie möchte herausfinden, wie praxisnah der jeweilige Verzicht ist und ob sie ihn dauerhaft in ihren Alltag integrieren kann. Das halte ich wiederum für einen guten Ansatz.

Verzicht auf Streit

Bei all den Gedanken um das Fasten ist mir noch eine andere Idee für ein sinnvolles Verzichten gekommen. Wie wäre es mit einem Verzicht auf negative Bemerkungen in der Fastenzeit? Oder mit dem Verzicht auf Rechthaberei? Oder vielleicht mit einem Verzichten aufs Streiten? Diese Dinge stehen oft im Weg und verstellen den Blick aufs Wesentliche.

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