Kinder formen ihre Eltern

Erziehung ist seit jeher eine Angelegenheit der Eltern. Nun stellt sich aber heraus, dass die Sache auch in umgekehrter Richtung funktioniert: Kinder erziehen ihre Eltern.

Erziehung ist keine Einbahnstraße: Auch Kinder erziehen ihre Eltern
Erziehung ist keine Einbahnstraße: Auch Kinder erziehen ihre Eltern (Foto: Loren Kerns)

Zu dieser Erkenntnis kommen offenbar immer mehr Verhaltensforscher. Erziehung sei keine Einbahnstraße, bringt es Reut Avinun von der Hebräischen Universität in Jerusalem auf den Punkt. So wie Eltern – jedenfalls manchmal – Einfluss auf ihre Kinder nehmen, so formen die Kinder auch die Entwicklung ihrer Eltern.

Kinder nutzen dabei in der Regel andere Mittel als Eltern. Sie versuchen nicht, ihren Eltern vorzugeben, wie sie sich verhalten sollen. Denn anders als bei den Eltern steckt bei Kindern kein Vorsatz hinter ihren „Erziehungsmethoden“. Sie erziehen ihre Eltern unbewusst, und zwar durch ihr Verhalten.

Die „Erziehungsversuche“ der Kinder ernstzunehmen und sich darauf einzulassen, ist gar nicht so einfach. Es bedeutet nämlich zunächst einmal, das vielleicht unerwünschte oder sogar unangenehme Verhalten der Kinder nicht als eigene misslungene Erziehung zu verstehen. Man denke an den trotzigen Jungen, der grundsätzlich nicht einverstanden ist und sich schreiend und tobend die allgemeine Aufmerksamkeit verschafft. Oder an das rebellierende Mädchen, mit dem ganz offensichtlich kein vernünftiges Wort mehr zu reden ist.

Nicht alle Kinder gleich behandeln

Jeder ist unterschiedlich: Nicht alle Kinder gleich behandeln!
Jeder ist unterschiedlich: Nicht alle Kinder gleich behandeln! (Foto: _Nezemnaya_ / Flickr)

Kinder zeigen den Eltern oft durch ihr Verhalten, was ihnen fehlt. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass es wie so oft auch bei der Kindererziehung kein Patentrezept gibt. So rät die Pädagogin Sabine Michalek von der Katholischen Hochschule Berlin Eltern von dem Versuch ab, alle ihre Kinder nach Möglichkeit gleich zu behandeln. Dieser Versuch werde nämlich den Kindern mit ihren ganz unterschiedlichen Eigenschaften nicht gerecht.

Was die Kinder brauchen, fordern sie über ihre Verhaltensweisen ein. Das klingt in der Theorie ganz gut. Praktisch funktioniert es aber leider nicht immer, wie der US-amerikanische Psychologe Eric Stice bei seinen Forschungen festgestellt hat. Demnach haben gerade schwierige Kinder, die Aggressionen zeigen oder sogar gewaltbereit sind, einen besonders großen erzieherischen Einfluss auf ihre Eltern. Allerdings geht dieser offenbar oft in die falsche Richtung.

Rückzug bei Problemen

Gerade nach starken Gefühlsausbrüchen auf die Kinder zugehen!
Gerade nach starken Gefühlsausbrüchen auf die Kinder zugehen! (Foto: Ben Francis)

Statt sich auf die Gefühlsausbrüche ihrer Kinder einzulassen und ihnen entsprechend zu begegnen, ziehen sich die Eltern bei aggressivem Verhalten ihrer jugendlichen Kinder verstärkt zurück. Das zeigten die Untersuchungen von Eric Stice mit 500 teilnehmenden jungen Mädchen, die aggressives und gewaltbereites Verhalten an den Tag legten. Innerhalb eines Jahres schwand der Einfluss, den die Eltern auf ihre Kinder nahmen. Anders verhielt es sich in umgekehrter Richtung. Die Eltern reagierten stark auf das Verhalten ihrer Kinder, indem sie sich zurückzogen. Das ist nachvollziehbar. Wer lässt sich gern beschimpfen oder beleidigen? Rückzug scheint aber in dem Fall eine unpassende Reaktion zu sein, denn aggressives Verhalten der Kinder verlangt nach mehr statt weniger Aufmerksamkeit.

Grundsätzlich dürfte es eine gute Sache sein, bei der Erziehung nicht im Sinn zu haben, die Kinder nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Das wird ohnehin kaum in gewünschter Weise funktionieren. Wenn sich Eltern aber auf ihre Kinder und ihre „Erziehungsversuche“ einlassen, werden sie nicht selten zu offeneren Menschen. Ich finde übrigens, dass meine eigenen Eltern im Laufe der Zeit immer toleranter und angenehmer wurden. Zweifellos ist das meinem positiven erzieherischen Einfluss zuzuschreiben!

Quelle:

www.sueddeutsche.de – Wie Kinder ihre Eltern erziehen

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