Kunst und Feng Shui: Naked City Spleen von Miru Kim

Welche Rolle spielt die Kunst im Feng Shui? Am Beispiel einer „Standortbestimmung“ der New Yorker Künstlerin Miru Kim sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, die künstlerisches Arbeiten im Hinblick auf die Feng Shui Gestaltung des Wohnumfeldes bietet.

Miru Kim sitzt einem Vogel gleich auf einer Sandsteinfigur auf dem Turm Saint-Jacques, Paris
Miru Kim: wie ein Vogel auf einer Steinfigur auf dem Turm Saint-Jacques, Paris (Foto: Miru Kim)

In manchen Definitionen zum Begriff Feng Shui ist zu lesen, die aus China stammende Harmonielehre sei eine „Kunst und Wissenschaft“. Während sich die wissenschaftlichen Aspekte noch recht einfach anhand eines in vielen Feng Shui Schulen etablierten Kanons von Berechnungsmethoden und Erklärungsmodellen aufzeigen lassen, fällt es uns beträchtlich schwerer, die künstlerische Dimension des Feng Shui exakt zu beschreiben.

Außer Frage steht für uns, dass dort, wo menschliche Wahrnehmung, Vorstellungskraft und Intuition zusammentreffen, die Kunst nicht weit entfernt sein kann. Die Gestaltung der Wohnung nach Feng Shui Kriterien ist immer auch ein kreativer Schaffensprozess, bei dem Bedürfnisse von Bewohnern, Ortsgegebenheiten und eine Reihe individueller Gesichtspunkte berücksichtigt und in Einklang gebracht werden müssen, bis am Ende kein „zufällig zusammengewürfeltes Gebilde“, sondern ein menschliches Kulturprodukt entsteht: Eine Wohnung, die einer höheren Ordnung folgt. Das ist Kunst.

Miru Kim über den Dächern der 13-Millionen-Einwohner Metropole Istanbul
Miru Kim über den Dächern der 13-Millionen-Einwohner Metropole Istanbul (Foto: Miru Kim)

Betrachtet man die spirituelle Komponente des Feng Shui, so lassen sich noch weitere künstlerische Aspekte entdecken. Die Raumgestaltung nach Feng Shui erfordert immer auch die aktive Auseinandersetzung mit sich selbst und eine Positionierung des eigenen Ichs in Bezug zur Umwelt. Es geht hier also im wahrsten Sinne des Wortes um eine Standortbestimmung: In welcher Lebenssituation befinde ich mich gerade, was sind meine Ziele und trägt der Ort, an dem ich lebe, bestmöglich zum Erreichen meiner Ziele bei? Oder kurz: Bin ich hier glücklich und was kann ich tun, damit ich glücklicher werde?

Das Kunstwerk als Ausdrucksmöglichkeit

Das In-sich-Hineinhorchen, die Bestimmung des eigenen Standortes und die Suche geeigneter Ausdrucksmöglichkeiten, all das sind wichtige Schritte in einem künstlerischen Schaffensprozess. Feng Shui Berater, die ihre Kunden bestmöglich dabei unterstützen möchten, in einem gemeinsamen kreativen Schaffensprozess mit ihren Kunden ein gutes Ergebnis bei einer Wohnraumoptimierung zu erzielen, können sich somit gerade auch von der Kunst und künstlerischem Arbeiten etwas abschauen. Künstler haben bereits Ausdrucksmöglichkeiten und Bilder für ihre „Seelenvorgänge“ gefunden. Sie haben ihre Bedürfnisse, Ängste oder geheimen Träume reflektiert und ein Stück weit Realität werden lassen: In einem Kunstwerk.

Unterwegs im Old Croton Aquädukt, Bronx, New York City
Unterwegs im Old Croton Aquädukt, Bronx, New York City (Foto: Miru Kim)

Damit das jetzt alles nicht zu abstrakt wird, möchten wir euch zur Verdeutlichung ein aktuelles Beispiel zeigen. Die New Yorker Fotografin Miru Kim zeigt in ihrer jüngsten künstlerischen Arbeit „Naked City Spleen“ einen recht drastischen Blick auf die Metropolen dieser Welt. Die Fotos, auf denen Kim durchweg nackt zu sehen ist, spiegeln die Auseinandersetzung der Künstlerin mit der zunehmenden Urbanisierung der Umwelt und die Entfremdung des Menschen von seiner Umgebung wider.

Verloren gegangen in der Abrisszone in einem Stadtteil von Seoul, Südkorea
Verloren gegangen in der Abrisszone in einem Stadtteil von Seoul, Südkorea (Foto: Miru Kim)

Doch betrachtet die Fotografin das Anwachsen der Mega-Städte nicht allein als Bedrohung, sondern sie weist mit ihren Bildern von stillen und verlassenen Plätzen, ungewöhnlichen Orten und Perspektiven darauf hin, dass auch Städte so etwas wie ein eigener Organismus sind mit einer komplexen Anatomie und einer Psyche. Städte sind uns Menschen somit sehr ähnlich. Sie sind Orte mit einem Unterbewusstsein und einem kollektiven Gedächtnis:

„Exploring industrial ruins and structures made me look at the city as one living organism. I started to feel not only the skin of the city, but also to penetrate the inner layers of its intestines and veins, which swarm with miniscule life forms. These spaces—abandoned subway stations, tunnels, sewers, catacombs, factories, hospitals, and shipyards — form the subconscious of the city, where collective memories and dreams reside.“ (Quelle: ww.mirukim.com)

Revere Sugar Factory, Brooklyn: Naturfotografie inmitten der Großstadt
Revere Sugar Factory, Brooklyn: Naturfotografie inmitten der Großstadt (Foto: Miru Kim)

Kim ist außerdem immer wieder fasziniert davon, wie andere Lebewesen urbane Räume zurückerobern sobald diese vom Menschen verlassen wurden. Dies zum Vorbild nehmend begann die Künstlerin selbst – manchmal wie eine herumstreunende Katze oder wie ein wilder Hund und manchmal auch wie ein Vogel – den Lebensraum Stadt neu für sich zu entdecken. Sie begab sich dabei an diese vom Menschen verlassenen Orte, sie öffnete sich ihnen und schon bald verloren die Industrieruinen, Versorgungsschächte und verlassenen urbanen Räume ihren Schrecken: „they are transformed from strange to familiar, from harsh to calm, from dangerous to ludic.“

Die Symbiose von Architektur- und Naturfotografie

Diese animalisch anmutende Fähigkeit des Hineinfühlens in unsere Umgebung – genau das ist es, was vielen Menschen heute abhandengekommen ist. Kim hat somit nichts anderes getan, als den Natur-Instinkt in sich (wieder-)zu-entdecken. Dazu brauchte sie nicht in eine menschenleere Gegend auf unserem Planeten reisen, sondern sie hat die Natur und zu sich selbst an solchen Orten gefunden, wo man es am wenigsten vermutet hätte: In den großen Metropolen dieser Welt. Dies offenbart sich zumindest dem Betrachter anhand brillanter Bildaufnahmen, welche durch die Nacktheit Kims nicht nur Beispiele für Architekturfotografie in Berlin, Paris, Istanbul etc. sind, sondern die vor allem wie Naturfotografie anmuten. Eine in unseren Augen äußerst gelungene „Standortbestimmung“ und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Harmonie von Mensch und Umwelt.

www.everyday-feng-shui.de

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