Trotz Navi: Warum ist unser Orientierungssinn so wichtig?

Einen Nobelpreis gab es kürzlich für das norwegische Forscherpaar May-Britt und Edvard Moser, das herausfand, wie unsere Orientierung funktioniert. Gut, dass sie es noch rechtzeitig herausgefunden haben. Denn vielleicht sind wir allesamt demnächst ziemlich orientierungslos – wenn erst die Navigationsgeräte den Job unseres Gehirns endgültig übernommen haben.

Polizist als Orientierungshilfe in den Sechzigerjahren: Verlieren wir heute durch moderne Navigationsgeräte zunehmend den Bezug zu unserer Umgebung? Polizist als Orientierungshilfe in den Sechzigerjahren: Verlieren wir heute durch moderne Navigationsgeräte zunehmend den Bezug zu unserer Umgebung? (Foto: West Midlands Police)

Einen echten Orientierungssinn gibt es gar nicht. Jedenfalls gehört ein solcher nicht zu unseren handfesten, bekannten fünf Sinnen – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Etwas Ähnliches wie ein Orientierungssinn existiert aber bestimmt. Denn es gibt Menschen, die finden sich problemlos an jedem fremden Ort zurecht und meistern auch den Spaziergang durch die unbekannte Großstadt souverän. Und es gibt diejenigen, denen eine Straßenbiegung auch bei der dritten Begegnung unbekannt und neu erscheint. Ob sie nun links oder rechts abbiegen müssen, um ans Ziel zu kommen, ist diesen Menschen völlig unklar.

Streit um die richtige Richtung

Haben Frauen und Männer einen unterschiedlichen Orientierungssinn?
Haben Frauen und Männer einen unterschiedlichen Orientierungssinn?
(Foto: Bruno / Flickr)

Es soll schon unschöne Szenen in Partnerschaften gegeben haben, wenn zwei ganz unterschiedliche Orientierungstypen versuchen, gemeinsame Wege zu finden. Dann gehen nicht nur die Meinungen darüber auseinander, in welcher Richtung das jeweilige Ziel zu finden sei. Schnell ist dann vom fehlenden Orientierungssinn die Rede, und einer der Beteiligten fühlt sich nicht mehr ganz ernst genommen.

Oft sind es Frauen, denen ein schlechter Orientierungssinn attestiert wird. Vielleicht trauen sich Frauen in dieser Frage aber auch einfach weniger zu als Männer. Tatsächlich habe ich das Eingeständnis, sich schlecht an fremden Orten zurechtzufinden, schon häufig gehört – aber noch nie von einem Mann. Auf dem Weg in die falsche Richtung habe ich Männer allerdings schon erlebt.

Wissenschaftlich betrachtet hat es jedenfalls nichts mit dem Geschlecht zu tun, ob sich jemand gut oder weniger gut räumlich orientieren kann. Das sagen die Forscher, die untersuchen, wie das Zurechtfinden funktioniert. Die Fähigkeit zur Orientierung im Raum ist demnach vor allen Dingen eins: eine Sache der Übung.

Eine innere Landkarte

Was beim Üben und Orientieren im Gehirn genau geschieht, fanden die norwegischen Wissenschaftler heraus, die dafür im vergangenen Jahr den Nobelpreis bekamen. Demnach werden im Gehirn Punkte auf einer Art Gitternetz markiert, sodass eine mehr oder weniger präzise innere Landkarte entsteht. Da scheint es einleuchtend, dass diejenigen, die das Kartenerstellen häufig üben, schneller und besser darin werden. So spricht man von einem guten Orientierungssinn, wenn jemand ganz selbstverständlich in fremder Umgebung eine zuverlässige innere Landkarte entwickelt.

Natürlich können wir uns das Üben auch sparen, denn es gibt ja inzwischen sehr gute Navigationsgeräte. Ich kann verstehen, dass diese elektronische Hilfe für Menschen ohne besagten Orientierungssinn eine enorme Erleichterung ist. Andererseits ist mir meine ganz gut funktionierende Orientierung sehr lieb. Und nun befürchte ich, dass sie mir durch immer mehr elektronische Hilfe abhandenkommt.

Ein Navigationsgerät scheint eine echte Autorität zu sein. Wie sonst konnte es passieren, dass ich neulich einer völlig unsinnigen Anweisung folgte? Prompt landete ich im Ampelstau, den ich üblicherweise (ohne Navigationsgerät) souverän umfahre. Es gab also gar keinen Grund für mich, der elektronischen Stimme Glauben zu schenken.

Zieleingabe statt Nachdenken

Ich nehme an, dass es für unser Gehirn sehr bequem und daher angenehm ist, sich die Richtung vorgeben zu lassen. Üben dagegen wäre anstrengend, und warum soll sich das Hirn unnötig verrenken? Demnächst wird sich die Navigationsfrage ohnehin erledigt haben, wenn wir erst in selbstfahrenden Autos unterwegs sind. Die Begeisterung scheint jedenfalls groß zu sein für die fahrerlosen Gefährte. Eine Orientierung braucht dann niemand mehr, die korrekte Zieleingabe reicht aus.

Ich möchte die Orientierung behalten und werde daher mein Gehirn weiter üben lassen, ob es nun bequem sein möchte oder nicht. Denn erst wenn ich meine Umgebung selbst geortet habe, kann ich sie verinnerlichen. Dann ist es wirklich meine Umgebung.

Quellen:

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Susanne Raven
Über Susanne Raven 116 Artikel
Susanne ist freie Autorin und als Feng Shui Enthusiastin seit 2007 Betreiberin von Everyday Feng Shui. Die gelernte Logopädin hat sich zum Ziel gesetzt, traditionelles Feng Shui im deutschsprachigen Raum populärer zu machen. Susanne erreicht ihr unter info@everyday-feng-shui.de

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