Vergessen tut gut

Das Vergessen hat einen sehr schlechten Ruf. Wir sprechen vom guten oder eben auch schlechten Gedächtnis. Wir machen uns Vorwürfe, sobald wir etwas vergessen, und wir entschuldigen uns für jede Nachlässigkeit des eigenen Gedächtnisses. Dabei wären wir ohne das Vergessen sehr arm dran.

Knoten im Taschentuch: Woran sollte mich das nochmal erinnern?
Knoten im Taschentuch: Woran sollte mich das nochmal erinnern? (Foto: berwis, pixelio.de)

Ein gutes Gedächtnis hilft in vielen Lebenslagen. Mit einem schlechten Gedächtnis lassen sich dagegen sogar Freundschaften oder Liebesbeziehungen ruinieren. Was zunächst noch als liebenswürdige Schusseligkeit durchgeht, kann sich nämlich schnell zum echten Störfaktor in einer Beziehung entwickeln. Das Zusammenleben wird schwierig, wenn Geburtstage oder Verabredungen vergessen, wenn Versprechen wegen Gedächtnislücken nicht eingehalten werden, und wenn gemeinsame Erlebnisse aus der Erinnerung des Partners verschwunden sind.

Das eigenständige Gehirn

Kein Wunder also, dass dem Vergessen ein so schlechter Ruf anhängt. Dabei haben wir gar nicht allzu viel Einfluss darauf, was im Gedächtnis bleibt und was aussortiert wird. Wer kann schon den gut gemeinten Ratschlag des Freundes, das schlechte Erlebnis nun endlich zu vergessen, einfach umsetzen? Gleichzeitig bemühen wir uns doch oft genug, eine Telefonnummer, einen Namen oder ein bestimmtes Datum unbedingt im Gedächtnis zu behalten – und erinnern uns dann im fraglichen Moment doch nicht mehr. In der Schulzeit erging es mir so mit allen geschichtlichen Daten. Wie gern hätte ich sie nicht nur für den nächsten Test, sondern auch für die übernächste Klausur oder sogar fürs nächste Schuljahr im Gedächtnis behalten. Aber Fehlanzeige: Immer wieder musste ich die Daten neu „pauken“.

Wie eigenständig das Gedächtnis arbeitet, lässt sich auch bei kleinen Kindern beobachten. Dreijährige erzählen noch munter von ihrem zweiten Geburtstag oder von dem spannenden Kita-Ausflug im letzten Sommer. Danach aber verschwinden all die schönen Dinge aus dem Gedächtnis. Meine fünfjährige Tochter stellt zurzeit mit großem Bedauern fest, dass sie sich an viele Ereignisse nicht mehr erinnert, obwohl sie weiß, dass sie stattgefunden haben. Die Kindheitserinnerungen von Erwachsenen reichen üblicherweise nicht weiter als in das Alter von drei oder vier Jahren zurück.

Vergessen gegen das Durcheinander im Gehirn

Es ist verständlich, dass meine Tochter das Verschwinden der Erinnerungen aus der frühen Kindheit bedauert. Aber es hat ja einen Sinn. Kleine Kinder beginnen im Alter von etwa drei Jahren, das Erlebte im Gedächtnis zu sortieren. Dabei verschwinden die vielen einzelnen Erinnerungen. Stattdessen bildet sich ein Schatz aus Erfahrungen und Wissen.

In diesem Alter nimmt das Vergessen seine Funktion als Ordnungshilfe auf: All die einzelnen üblichen, gewöhnlichen Alltäglichkeiten vergessen wir. Daraus wird das Wissen um den „Normalzustand“. Das davon abweichende Ereignis fällt dann sofort auf – und bleibt im Gedächtnis. Man denke an bleibende Kindheitserinnerungen: Vergessen sind all die unzähligen Sprünge über den großen Stein im Garten, aber den einen Nachmittag, als der Sprung misslang und die Knie aufgeschlagen waren, den vergisst man nicht.

Knieverletzung: Das meiste aus der frühen Kindheit vergisst man. Ein paar einschneidende Erlebnisse bleiben jedoch für immer im Gedächtnis
Knieverletzung: Das meiste aus der frühen Kindheit vergisst man. Ein paar einschneidende Erlebnisse bleiben jedoch für immer im Gedächtnis (Foto: JON_CF)

Das Vergessen ist essenziell für das Gedächtnis, sagt der niederländische Forscher Douwe Draaisma. Denn wenn nichts vergessen würde, fehlte im Gedächtnis jede Ordnung. Wir wären nicht in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Und der Soziologe Niklas Luhmann nennt als Hauptfunktion des Gedächtnisses das Vergessen. Gerade schlechte Erinnerungen, die nicht verblassen wollen, können das Leben sehr schwer machen. Und wer keinen Fehltritt vergisst, gilt bei den Mitmenschen schnell als nachtragend.

Das Vergessen verdient also einen besseren Ruf. Es kann heilsam sein und befreien, es kann den Blick freigeben für neue Dinge. Vor allen Dingen ist das Vergessen aber als Ordnungshilfe der wichtigste Teil eines guten Gedächtnisses.

Quelle:

www.zeit.de – Gedächtnis: Vergiss es!

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