Warum haben Menschen das Bedürfnis, sich zu binden?

Bindungen werden fast ausnahmslos als erstrebenswert hingestellt. Bindungen an Familienmitglieder, Nationen, Banken, Parteien, Religionen, Berufsgruppen, Kammern, Kassen – und natürlich auch an Partner.

Die Ehe für alle, die sich binden wollen? Foto: torbakhopper / flickr CC BY-ND 2.0
Die Ehe für alle, die sich binden wollen? Foto: torbakhopper / flickr CC BY-ND 2.0

Jedes Geschäft möchte eine Kundenbindung. Jeder Stromversorger möchte fixe Abnehmer und jedes Gasthaus setzt auf Stammgäste. Wer sich gebunden fühlt, achtet weder auf den Preis noch auf sonstige Konditionen, sondern sonnt sich im wohligen Gefühl, dazuzugehören – koste es, was es wolle. Man hat „seine“ Handwerker und Kreditkarten, bestellt immer bei den gleichen Online-Händlern und konsultiert immer dieselben Ärzte. Die Möglichkeiten an Zugehörigkeiten sind unerschöpflich. Wer auf Marken steht, ist vom Handy bis zur Waschmaschine an bestimmte Labels gebunden. Man gehört dem Verein der VW- oder Mercedes-Fahrer an, man macht immer in der gleichen Region Urlaub und bewegt sich nur in bestimmten sozialen Netzwerken.

Mit Bindungen sind eigentlich emotionale Neigungen gemeint

Weil jedoch die emotionale Zuneigung zu einer Krankenkasse nicht tief genug reicht, wird fast bei allen unseren Bindungen eine Unterschrift fällig. Meist haben wir gar keine Wahl, denn um einen Beruf auszuüben, müssen wir diversen Schulen, Kammern, Versicherungen und Finanzämtern beitreten. Wir unterschreiben unzählige Schriftstücke, ohne uns freiwillig für die Mitgliedschaft zu entscheiden. Damit die Verbindungen und Verbindlichkeiten nicht in Vergessenheit geraten, werden wir mit Kirchenblättern, Kammerzeitungen, Firmenzeitschriften und Kundenmagazinen bombardiert. Jedes Netzwerk meldet sich beinahe täglich mit Aufrufen und Ermahnungen, aktiv zu bleiben. Jeder durchschnittliche Berufstätige und Konsument braucht eigentlich nichts anderes mehr zu tun, als die Bedürfnisse der diversen Verbände zu befriedigen.

Bindungsängste werden therapeutisch behandelt

Man geht davon aus, dass jede Liebesbeziehung den Zweck hat, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Auch dann, wenn kein Nachwuchs möglich ist. Es soll ein natürlicher Wunsch von Paaren sein, den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen und jede Distanzierung auszuschließen. Auf diese Vorstellung sind alle Sozialsysteme abgestimmt. Damit noch nicht genug: Sämtliche familiären Angehörigen sollen künftig zur Partnerschaft dazugehören. Falls jemand kein Interesse hat an diesen Eingliederungen und Verstrickungen, gilt er als bindungsunfähig – was ungefähr gleich viel bedeutet wie beziehungsunfähig. Zur Unterstreichung von festen Bindungen werden Ringe und Ketten angelegt, damit Außenstehende sofort erkennen, dass dieser Mensch nicht mehr zu „haben“ ist. Denn nicht jeder Mensch hat die Freiheit, jeden zu lieben.

Haben Bindungen einen höheren Stellenwert als die Freiheit? 

Für die meisten Menschen eindeutig Ja. Zumindest, was das gesellschaftliche Ansehen betrifft. Je mehr Bindungen ein Mensch hat, umso besser kann er kontrolliert werden. Wer seine Freiheiten ausleben möchte, gilt als egoistisch und rücksichtslos. Nur angepasste Menschen, deren Schritte in geregelten Bahnen verlaufen, vermitteln Sicherheit. Ein Maximum an Pflichten und ein Minimum an Freizeit sorgen dafür, dass keiner auf Ideen und „abwegige“ Gedanken kommt.Meistens sind es die gleichen Menschen, die Angst haben, ihre eigenen Freiheiten zu entdecken, wie die, die Angst haben, dass ihre Angehörigen ein Schlupfloch finden könnten.  Wer gebunden und abhängig ist, kann sich nicht frei entwickeln, sondern muss sich fügen.

Foto (C) Irmgard Brottrager
Foto (C) Irmgard Brottrager

Wer sich und andere binden möchte, hat Verlustangst

In einer lebendigen und freien Beziehung hat keiner das Bedürfnis, den anderen an sich zu ketten. Er hat kein Bedürfnis nach Kontrolle und er braucht keinen festen Rahmen für sein Verhalten. Schon gar nicht besteht der Wunsch nach staatlichen Reglementierungen. Leider sind viele Paare so unsicher, dass sie sich mit diversen Verträgen absichern möchten. Sie haben Angst, dass der andere im Falle von Krankheit, Alter und Armut das Weite suchen könnte. Sie möchten eine Versicherung haben, falls die Figur aus dem Leim geht, falls sie behindert werden oder den Verstand verlieren. Der andere, der sich dann vielleicht nicht mehr so hingezogen fühlt, soll in die Pflicht genommen werden. „Dann hast du mich auf dem Hals!“ Die Absicht, einen zugeneigten Partner festzunageln, hat mit wahrer Liebe wenig zu tun. Denn wer seine Nächsten wirklich liebt, wird sie nicht zum Bleiben zwingen, wenn sie eigentlich weg möchten. Wahre Liebe ist grenzenlos. Wer wahrhaft liebt, fühlt sich mit allem verbunden, nicht nur mit seinen Vertragspartnern.

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Irmgard Brottrager, Dipl.Ing. für Architektur und Innenarchitektur,

Ganzheitliche Raum-Gestaltung und Europäisches Fengshui 

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