Wie sich die Selbstkontrolle bewahren lässt

Wer früh mit eiserner Disziplin in den Tag startet, sich mittags noch immer zusammenreißt und nachmittags beherrscht auf Süßes verzichtet, läuft Gefahr, am Abend über die Stränge zu schlagen. Dem Phänomen der sich abnutzenden Fähigkeit zur Selbstkontrolle sind Forscher seit Jahrzehnten auf der Spur. Nun gibt es einen simplen Erklärungsversuch: Das Gehirn braucht Zucker für die Disziplin.

Einer Versuchung zu widerstehen erfordert manchmal eine Menge Selbstkontrolle
Einer Versuchung zu widerstehen erfordert manchmal eine Menge Selbstkontrolle
(Foto: vanderlaan.fotografeert)

Mit verschiedenen Experimenten wurde nachgewiesen, dass Menschen nicht immer im gleichen Maße zur Selbstdisziplin in der Lage sind. So nimmt die Selbstkontrolle bei den meisten Menschen deutlich ab, wenn sie zuvor bereits viel Selbstbeherrschung leisten mussten. Psychologen haben außerdem festgestellt, dass dann die Frustrationstoleranz auch in ganz anderen Zusammenhängen deutlich nachlässt. Wer sich also bei der einen Sache sehr beherrscht, gibt bei der nächsten Herausforderung früher auf.

Auch ohne Schlaf ganz kontrolliert

Erstaunlicherweise hat die Fähigkeit zur Selbstkontrolle offenbar kaum etwas damit zu tun, ob jemand ausgeschlafen oder müde ist. Jedenfalls wurde dieser Zusammenhang nicht nachgewiesen. Stattdessen fanden Forscher in Experimenten heraus, dass völlig übermüdete Menschen genauso gut zur Selbstdisziplin in der Lage sind wie ausgeschlafene Personen – vorausgesetzt, es war zuvor keine Selbstbeherrschung gefordert. Den Verschleiß der Selbstkontrolle haben Wissenschaftler dagegen sogar anhand von Hirnaktivitäten im zuständigen Frontallappen gemessen. Der Zusammenhang war deutlich: Mit jeder Anstrengung zur Selbstdisziplin schwand die Aktivität in dem betreffenden Bereich des Gehirns.

Müdigkeit mindert nicht die Fähigkeit zur Selbstkontrolle
Müdigkeit mindert nicht die Fähigkeit zur Selbstkontrolle (Foto: Alyssa L. Miller)

Allerdings geht ja die Fähigkeit zur Selbstkontrolle nicht komplett verloren. Sie lässt nach, wird aber auch irgendwann wieder vollständig hergestellt. Im Schlaf passiert das offenbar nicht, wie Versuche gezeigt haben. Möglicherweise ist es die nächste Mahlzeit, die wieder genügend Kraft für die Disziplin liefert. Jedenfalls zeigten die Auswertungen von Richtersprüchen deutliche Unterschiede zwischen den Entscheidungen, die kurz vor einer Essenspause getroffen wurden, und denen, die nach der Mahlzeit fielen.

Selbstkontrolle schwindet unbemerkt

Es verwundert nicht, dass die von weniger Selbstkontrolle geprägten richterlichen Entscheidungen vor dem Essen stattfanden. Ein knurrender Magen kann ganz einfach jeden vernünftigen Gedankengang verhindern. Ein kleines Stück Traubenzucker ist dagegen durchaus in der Lage, die Selbstdisziplin wieder zu aktivieren.

All diese wissenschaftlichen Untersuchungen könnten nun den Schluss nahelegen, es am besten mit der Selbstdisziplin gar nicht erst zu versuchen und gleichzeitig reichlich Traubenzucker zu lutschen. Im Ergebnis müsste es dann mit der Selbstkontrolle ganz von allein funktionieren.

Das wird leider nicht klappen. Vielleicht hilft es aber, sich die Mechanismen bewusst zu machen. Es scheint nämlich so zu sein, dass die Betroffenen selbst gar nicht merken, wie ihre Selbstkontrolle dahinschwindet. Es könnte also sinnvoll sein, sich Pausen von der Selbstdisziplin zu gönnen und vielleicht auch eine Zwischenmahlzeit einzulegen.

Vermeiden heißt die Devise

Vermeidungsstrategie: Was echte Probleme in den seltensten Fällen löst, kann dennoch dabei helfen, gar nicht erst in Versuchung zu geraten
Vermeidungsstrategie: Was echte Probleme in den seltensten Fällen löst, kann dennoch dabei helfen, gar nicht erst in Versuchung zu geraten (Foto: tropical.pete)

Das Geheimnis von besonders disziplinierten Menschen scheint allerdings eins zu sein, das doch nicht so weit entfernt ist vom völligen Verzicht: Sie vermeiden nach Möglichkeit die Dinge und Situationen, die sie in Versuchung führen könnten. Auf diese Weise ist insgesamt viel weniger Selbstkontrolle nötig. Und das wiederum verhindert den Verschleiß derselben. So bleibt dann genügend Kraft für die Selbstkontrolle übrig, wenn sie gebraucht wird. Hilfreich ist sie zum Beispiel, um lästige Aufgaben schnell zu erledigen. Das verhindert unnötigen Stress, der durch alles Unerledigte entsteht. Was abgehakt werden kann, macht dagegen den Kopf frei für Neues.

Quelle:

www.welt.de – Warum ständige Selbstkontrolle impulsiver macht

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