Zeitempfinden: Über die Dehnbarkeit der Zeit

Eine ereignislose Stunde dehnt sich in der Wahrnehmung bis ins Unendliche, während spannende Momente wie im Flug vergehen. Im Nachhinein betrachtet verhält es sich aber oft umgekehrt: Langweilige Zeiten erscheinen im Rückblick besonders kurz, ereignisreiche Zeitabschnitte dagegen sehr lang. Gedanken über die Dehnbarkeit der Zeit.

Tempus fugit: Salvador Dali - Composition à la jambe (1944)
Tempus fugit: Salvador Dali – Composition à la jambe (1944)

Ginge es nach dem allgemein vorherrschenden subjektiven Zeitempfinden, müsste die Zeit inzwischen in nie gekannter Geschwindigkeit dahinrasen. Denn dass die Zeit immer schneller vergeht, scheint Konsens zu sein. Gespräche beim Bäcker oder bei der Geburtstagsfeier, Unterhaltungen mit Kollegen oder Freunden bestätigen das Tag für Tag.

Gewohnheiten beschleunigen die gefühlte Zeit

Dabei dürfte allen Klagenden klar sein, dass es in dieser Zeitrechnung einen Haken geben muss. Die Sekunden, Minuten und Stunden ticken jedenfalls auf unseren Uhren unbeeindruckt von allen Ereignissen in präziser Gleichmäßigkeit dahin. Diese offensichtliche Lücke zwischen subjektiver und objektiver Zeitmessung beschäftigt die Zeitforschung. Sie erklärt zum Beispiel die empfundene Zeitbeschleunigung mit veränderten Lebensumständen und Gewohnheiten.

Wer viel Neues erlebt, empfindet zwar keine Langeweile. Die Zeit geht also während des Erlebens schnell vorüber. Im Rückblick werden aber all die neuen Erlebnisse in Erinnerung gerufen. So entsteht der Eindruck, dass besonders viel Zeit vorhanden gewesen sein muss. Ein Erklärungsmuster heißt dann: Die Zeit ging sehr langsam vorüber. Wer sich die endlos erscheinenden Sommerferien als Kind oder den besonders aufregenden Urlaub erinnert, kennt diese Wahrnehmung.

Dokumentation: Zeit vergeht, Zeit versklavt, Zeit prägt

Blick aus dem Hamsterrad

Das Zeitempfinden ändert sich bei den meisten Menschen tatsächlich im Laufe der Jahre. Die Zeit rast dann immer schneller vorbei, und das könnte mit der zunehmenden Routine im Alltag zu tun haben. Da können die einzelnen Tage mit viel Arbeit ausgefüllt sein. Gleichen sich aber die Tage mit ihren zu erledigenden Aufgaben, sind sie im Rückblick kaum mehr auseinanderzuhalten. Wer dann ins „Hamsterrad“ aus Job und Alltag gerät, sieht die Zeit nur noch aus der Ferne vorbeirauschen.

Viele erwachsene Menschen fühlen sich ständig unter Zeitdruck. Oft sind es von außen vorgegebene Termine, die für Stress sorgen. Dennoch stellt sich nach vielen Jahren oft die Frage: Wo ist die Zeit geblieben?

Entschleunigung im Alter

In der Wahnrehmung älterer Menschen schreitet die Zeit wieder langsamer voran
In der Wahnrehmung älterer Menschen schreitet die Zeit wieder langsamer voran
(Foto: Alan Levine)

Befragungen haben gezeigt, dass sich das Empfinden in späteren Lebensjahren zumeist wieder ändert. Wer also den stressigen Arbeitsalltag und auch die familiäre Routine hinter sich gelassen hat, lebt seltener mit dem Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Die Tage, Wochen und Monate dehnen sich also wieder in die Länge. Es könnte daran liegen, dass ältere Menschen wieder in der Lage sind, sich die nötige Zeit für die ihnen wichtigen Dinge zu nehmen. Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, dass diese Zeit an anderer Stelle fehlen könnte. Und sie erleben wieder Neues: Der Tagesablauf ändert sich, vielleicht gibt es Möglichkeiten für Reisen oder neue Hobbys. Das trägt wohl dazu bei, dass die Zeit in der Wahrnehmung vieler älterer Menschen wieder langsamer voranschreitet. Sie erleben so etwas wie eine natürliche Entschleunigung.

Augen öffnen für Neues

Die Jahre bis zur Rente abzuwarten, um dann wieder Zeit für alles Wesentliche zu haben, ist aber sicherlich nicht empfehlenswert. Sehr viel angenehmer wäre es doch, jetzt gleich die Augen offenzuhalten für Neues und Schönes. Wenn es gelingt, damit immer mal wieder die Zeit anzuhalten, ist das umso besser. Eine kurzweilige und anregende Gedankensammlung zum Jetzt gibt es hier: Der rätselhafte Moment, in dem sich unser ganzes Leben abspielt: Jetzt

Quelle:

www.zeit.de – Warum vergeht die Zeit im Laufe des Lebens immer schneller?

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