Zeit ist relativ und subjektiv zugleich – oder?

Die Zeit scheint immer schneller zu verlaufen und es gibt tatsächlich Spekulationen, dass eine Stunde nicht mehr so lange dauert wie früher. Kann es sein, dass sich die Zeit allen Ernstes beschleunigt?

Foto: montereydiver / flickr CC BY 2.0
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Die Zeit bleibt stehen, wenn man sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt

Dieser Verzögerungseffekt kommt auch bei niedrigeren Geschwindigkeiten zum Tragen. Wer sich in einem Fahrzeug mit 100 km/h fortbewegt, wird jedoch praktisch keinen Unterschied bemerken. Bei langen Strecken und hohen Geschwindigkeiten, genügt es nicht, auf die Uhr zu schauen und die Kilometer zu messen. Hier muss man den Raum-Zeit-Abstand ermitteln: Dieser lässt sich mit einer mathematischen Formel berechnen. Im Kosmos werden die Entfernungen in Lichtminuten angegeben und nicht in Kilometer. Wir können uns die Relativitätstheorie schwer vorstellen, weil wir mit unseren Wahrnehmungen an die Abläufe auf der Erde gebunden sind. Die Zeit, die wir auf der Erde messen, ist keine absolute Zeit, sondern eine relative Zeit. Uhren, die mit 900 km/h um den Erdball fliegen, gehen langsamer als Uhren, die ihren Standort nicht verändern.

Wie kann man überprüfen, ob die Zeit schneller geworden ist?

Herkömmliche Uhren taugen nur bedingt als Zeitmessgeräte, denn sie sind an den Jahreszyklus angepasst, der möglicherweise auch schneller geworden ist. Um unabhängige Ergebnisse zu erzielen, müsste man geeichte Sanduhren aus früheren Zeiten verwenden. Wenn eine alte Sanduhr, die auf 5 Minuten geeicht ist, heute 6 Minuten braucht, ist alles klar!

  • Fußwege, die bereits in der Kindheit begangen wurden: Wie lange brauchte man früher für eine Strecke? Wie lange dauert es heute?
  • Wie viele Minuten dauert es, bis ein Ei weichgekocht ist? Früher: 3 Minuten. Heute?
  • Sekundenzählen: Sie weit kommt man, wenn man (ohne auf die Uhr zu sehen) die Sekunden zählt? Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …
  • Autofahrten: Wie lange dauert heute eine Busfahrt von A bis B? Wie lange hat sie früher gedauert? Zu beachten: Ist die Streckenführung exakt dieselbe? Gibt es mehr oder weniger Haltestellen? Fahren die Fahrzeuge (PKW, Bus) mit mehr oder weniger Tempo?
  • Zug- und Bahnfahrten: Beim Vergleich der Fahrzeiten ist zu berücksichtigen, ob der Zug früher schneller oder langsamer fuhr und ob die Wartezeiten länger oder kürzer geworden sind (neue Haltestellen, Warten auf den Gegenzug). 
  • Gehen alte, mechanische Uhren nach oder vor?

Es gibt keine objektiven Wahrnehmungen

Zeit ist nur wahrnehmbar in Relation zu etwas, was sichtbar vergeht. Je weniger Veränderungen wir bemerken, umso mehr scheint die Zeit stillzustehen.

  • Routinetätigkeiten werden zeitlich kaum wahrgenommen, weil man sie automatisch erledigt und in dieser Zeit geistig „abwesend“ ist.
  • Die Zeit wird in Relation zur bereits gelebten Zeit gesehen. 50 Jahre sind für einen 50-Jährigen ein halbes Leben, und ein Jahr sind 2% vom bisher Erlebten. Für ein 10-jähriges Kind ist ein Lebensjahr so viel wie 10% des bisher Erlebten.
  • Erinnerungen und Wahrnehmungen sind sehr unterschiedlich. Das Gehirn kann reale Informationen von medialen Inhalten und Träumen kaum unterscheiden. Als „Mandelaeffekt“ bezeichnet man widersprüchliche, kollektive Wahrnehmungen, die entweder auf verschiedenen Zeitlinien erfolgt sind oder auf Fake-Nachrichten zurückzuführen sind.
  • Eigentlich können wir Zeit nur wahrnehmen, indem wir auf die Uhr schauen oder den Sonnenstand beachten. Immer dann, wenn wir in eine Arbeit oder ein Gespräch oder ein sinnliches Erlebnis versunken sind, verlieren wird das Gefühl für die Zeit. Auch Trödeln und Spielen ist eine Form von Versunkenheit, die sehr viel Zeit verschlingt.

Diese Faktoren beeinflussen unsere Zeit-Wahrnehmung

  • Die ständige Medienpräsenz von Ereignissen, die längst vergangen sind. Jede Art von Beschäftigung mit der Vergangenheit führt zu einer Vermischung mit der Gegenwart.
  • Ältere Menschen lernen immer weniger dazu und daher scheint immer weniger zu passieren. Je länger wir am Leben sind, umso schneller vergeht scheinbar die Zeit.
  • Was bleibt übrig von der gelebten Zeit? Die meisten Menschen haben nie Zeit übrig. Keine Zeit, um innezuhalten und über das Leben nachzudenken.
  • Früher hat alles viel länger gedauert. Es wurde mit mehr Körpereinsatz und daher intensiver erlebt.
  • Wer ein subjektiv langes Leben führen möchte, sollte sich möglichst viel Quality-Time gönnen: Zeit voller Achtsamkeit, Lernerfahrungen, Sinneseindrücken, Wohlbefinden und herzlichen Begegnungen.
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Irmgard Brottrager
Über Irmgard Brottrager 750 Artikel
Irmgard Brottrager ist Dipl.Ing. für Architektur und Innenarchitektur, Fachredakteurin und Fengshuiberaterin in Graz. Sie beschäftigt sich vorzugsweise mit Aufgaben, die mit dem Menschen und seinem Umfeld zu tun haben. Irmgard erreicht ihr unter i.brottrager@everyday-feng-shui.de

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