Feng Shui Ratgeber

Matriarchale Wurzeln in Feng Shui und Geomantie

Von Stefan Brönnle

Die heutigen Lehren von Geomantie und Feng Shui sind in einer matrifokalen Landschaftsbetrachtung verankert. Die verwendeten Symbole wie Drachen, Schlange oder „Mutter Erde“ sind Ausdruck einer als göttlich-weiblich empfundenen Erdkraft. Sie verweisen auf historische Wurzeln: Auf matriarchale Gesellschaftsformen, in denen zyklisches Denken vorherrschte und ein „mütterlicher Anfang“ den Beginn eines Kreislaufs markierte.

Göttinnen-Figurine aus der Hohle-Fels-Höhle

Eines der meistbesuchten Exponate der Eiszeit-Ausstellung: Die Göttinnen-Figurine aus der Hohle-Fels-Höhle

Die Eiszeit-Ausstellung im archäologischen Landesmuseum Stuttgart endete am 10. Januar 2010 nach 4 Monaten mit knapp 100 000 Besuchern. 100 000 – das ist eine beachtliche Zahl für ein scheinbar so trockenes Thema wie Archäologie. Zugpferd waren die „ältesten Kunstwerke der Welt“, u.a. eine etwa sechs Zentimeter große Göttinnen-Figurine aus Mammutelfenbein mit einem Alter von 35.000 – 40.000 Jahren. Die Faszination für solche Relikte aus unserer Vergangenheit ist verständlich, verweisen sie doch nicht nur auf unsere historischen, sondern auch auf unsere geistigen Wurzeln. Und beide befinden sich im Matriarchat.

›Im internationalen Wissenschaftsdiskurs wird heute der Begriff Matriarchat beibehalten, obwohl er manchmal als „Mutterherrschaft“ oder „Frauenherrschaft“ missinterpretiert wird; beides hat es nach heutigem Forschungsstand nie gegeben. Matriarchat wird heute im Sinn von „mütterlicher Anfang“, Beginn eines Kreislaufs, übersetzt, weil diese Gesellschaften einerseits vom zyklischen Denken geprägt sind (im Unterschied zu unserem linearen) und alles Leben auf diesem Planeten mit „Mütterlichkeit“ beginnt.‹

So die Matriarchats-Forscherin Hannelore Vonier (www.matriarchat.info).

An der Wurzel unserer menschlichen Existenz steht die Mutter, sowohl individuell als auch kulturell. Es wundert darum auch nicht, dass sowohl die Lehren der westlichen Geomantie als auch die des östlichen Feng Shui unmittelbar auf einer matrifokalen (Mutter-zentrierten) Betrachtung von Natur uns Landschaft aufbauen, in dieser Phase ihrer Entwicklung waren sich Feng Shui und Geomantie erstaunlich ähnlich.

Beispiel 1: Der Drache

Das Symboltier der Großen Göttin ist die Schlange oder der Drache. Beide Worte sind im griechischen Wort „drakon“ vereint, was sowohl „Schlange“ als auch „Drache“ bedeuten kann. Der Drache symbolisierte den alljährlichen Vegetationszyklus und wurde damit zum Symbol der Wiedergeburt, wie auch die Schlange, die ihre Haut wechselt. Die indische Weltschlange Shesha, die germanische Midgard-Schlange, die babylonische Tiamat waren Verkörperungen der Urmacht der Erde und in der Jungsteinzeit wurden in Tempeln der Göttin große Schlangen gehalten.

Das göttliche Urpaar Nu-Wa und Fu Xi

Das göttliche Urpaar Nu-Wa und Fu Xi. Menschenkörper und Drachenleiber als Ausdruck der Macht und Präsenz der “Alten Drachenmutter”

Erst mit dem Wechsel zum Patriarchat wurden die Schlangen im Mythos von einem männlichen Gott getötet: Die Urschlange Tiamat wurde von ihren Kindern getötet, der ägyptische Sonnengott Re besiegte den Drachen Apophis und auch der jüdische Gott Jahwe schuf das Universum erst nach dem Sieg über die Urschlange Rahab (Hiob 9, 1-13). Zeus tötete das Drachenkind Typhon und übernahm die weibliche Orakelstätte Dodona, der Sonnengott Apoll tat gleiches an der matrifokalen Orakelstätte Delphi, indem er die Weltenschlange Python tötete.

In China verlief die „Patriarchalisierung“ offenbar weniger blutig, dennoch ebenso konsequent. Die „alte Drachenmutter“ Tsin-Kong ist ein uralter daoistischer Mythos und vor allem Frauen nahmen bei Ihr zur Geburt ihres Kindes Zuflucht. Auf sie zurück gehen legendäre Herrscher. So auch der legendäre Urherrscher Fu-Xi. In einer anderen Überlieferung erschuf die halbgöttliche Herrscherin Nu-Wa am Anfang der Geschichte die Menschen. Sie wird als Mensch mit Drachenleib dargestellt und ist ein Rudiment der frühen matrifokalen Gesellschaft Chinas. Fu-Xi und Nu-Wa werden oft auch als Urherrscherpaar gemeinsam dargestellt. Der Kaiser erhielt seine Autorität als Erbfolger der „alten Drachenmutter“, weshalb er auch u.a. als „Drachensohn“ bezeichnet wurde. So wurde die weibliche Macht auf den männlichen Herrscher übertragen.

Bergdrache am Sommertempel nahe Beijing (Peking)

Bergdrache am Sommertempel nahe Beijing (Peking) mit Pagode am Yang-Punkt

Als Reminiszenz an diese Verehrung des weiblichen Drachen finden wir in östlicher wie westlicher Geomantie den Drachen als Ausdruck der Urkraft. Im Feng Shui werden Höhenzüge als „Bergdrachen“ bezeichnet. An den Punkten ihrer absoluten Yangkraft stehen oft Pagoden.

Drachenrücken Glastonbury-Tor

Drachenrücken Glastonbury-Tor

In der westlichen Geomantie findet man so genannte „Drachenrücken“ – Hügel und Bergformationen, die langsam ansteigen, ihren höchsten Punkt erreichen und dann relativ rasch abfallen. Hier stehen meist Michaelskirchen (Drachentöter) wie z.B. am berühmten Glastonbury-Tor mit der Turmruine der Michaelskirche. Hier wie da bleibt der Drache Ausdruck der als „göttlich-weiblich“ empfundenen Erdkraft.

Beispiel 2: Göttin Erde

Drache-Tiger-Formation

Drache-Tiger-Formation

Letztendlich geht beinahe die gesamte Landschaftsinterpretation in Feng Shui und Geomantie auf die Betrachtung der Erde als göttliches Wesen zurück. Nehmen wir die „klassische“ Interpretation der Landschaft nach den „5 Tieren“. Ein Berg im Rücken wird als „Schildkröte“ interpretiert, Berge links und rechts als „Drache“ und „Tiger“ und ein ferner Berg als „Phoenix“. Obgleich diese Betrachtungsweise „klassisch“ genannt wird, gibt es eine viel urtümlichere Interpretation der selben Landschaftsformation, worauf bereits in den 1990er Jahren der Sinologe Dr. Manfred Kubny hinwies (www.iatca.de). Die Abbildungen aus einem chinesischen Feng Shui Buch zeigen allzu deutlich die Interpretation der „Drache-Tiger-Formation“ als „Gebärorgan“ der Großen Göttin. Bestimmte Punkte in der Landschaft galten sozusagen als Zugangsportale zur weiblichen Urkraft der Erde und ihrer Erneuerungsfähigkeit, weshalb diese auch gerne für Grabbauten genutzt wurden.

Obgleich nicht als formales Gesetz definiert, galten sehr ähnliche Landschaftsinterpretationen in Europa als solche kultischen Portale. Die „Kammerbacher Höhle“ in Hessen, nahe der Kultberg Hoher Meissner (dem Sagenberg der „Frau Holle“ – Märchenvariante der Großen Göttin), liegt an einem ebensolchen „Vaginalpunkt“.

Mythologische Landschaft in Vulva-Form

Aus einem chinesischen Feng Shui Buch: Die 5-Tiere-Formation als Ausdruck weiblicher Erdkraft und Geburtsfähigkeit.

Auch diese Formation ließe sich nach den „5-Tieren“ deuten. Das kultische Brauchtum um diese Höhle, das noch bis ins 19. Jahrhundert nachweislich praktiziert wurde, verdeutlicht die heilige Weiblichkeit der Kulthöhle: Dem Wasser des Höhlensees wurden besonders heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. Wenn eine Jungfrau in der Osternacht zwischen 11 und 12 Uhr aus dem Höhlensee Wasser schöpfe und sich mit dem Wasser öfters abreibe, so bliebe sie für immer schön.

Diese beiden kleinen Beispiele mögen verdeutlichen, wie sehr die heutigen Lehren von Geomantie und Feng Shui in der matrifokalen Landschaftsbetrachtung verankert sind.

Dipl. Ing. Stefan Brönnle

Weitere Informationen:

Der Hohe Meissner – Berg der Grossen Göttin (Seminar des Autors 18.-20.6.2010): www.inana.info
Inana – Schule für Geomantie: www.geomantie-schule.de
Website des Autors: www.stefan-broennle.de
Geomantie-Zentrum: www.geomantie-zentrum.de
Matriarchatsforschung. Heide Göttner-Abendroth: www.hagia.de

2 Kommentare zu “Matriarchale Wurzeln in Feng Shui und Geomantie”

  1. Stefan Brönnle: Experte für Geomantie und Feng Shui

    […] Die heutigen Lehren von Feng Shui und Geomantie sind in einer so genannten matrifokalen Landschaftsbetrachtung verankert. Die verwendete Symbolik wie Drache, Schlange oder “Mutter Erde” sind dabei Ausdruck einer als göttlich-weiblich empfundenen Erdkraft, welche auf historische Wurzeln verweist: Auf matriarchale Gesellschaftsformen, in denen ein zyklisches Denken vorherrschte und wo der “mütterliche Anfang” den Beginn eines Kreislaufs darstellt… mehr lesen […]

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