Die Philosophie der Shaolinmönche

Sie beherrschen die höchste Kunst der Chi-Lenkung und beeindrucken mit schier übermenschlichen Kräften. Der Shaolin-Kung-Fu-Stil ist weit mehr als eine Kampfdisziplin.

Foto: podoboq flickr / CC BY 2.0
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Die 6 Wurzeln des Kung-Fu

Kung-Fu bedeutet so viel wie harte Arbeit und wird auf den Gelben Kaiser Huangdi zurückgeführt.

Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus – das sind die drei asiatischen Philosophien, um den Geist zu beherrschen.

Kungfu, Taiji, Qigong – das sind die drei praktischen Bewegungskünste und Kampfkunstarten, um den Körper zu beherrschen.

Der richtige Weg ist kein Mittelweg

„Der richtige Weg ist nicht, durch die Mitte zu gehen. Der richtige Weg ist der, der die Gegensätze verbindet.“, erklärt Shi Heng Yi, Leitender Meister des Shaolin Temple Europe. Shaolin-Mönche habe eine sehr spezielle Ausstrahlung. Weich und hart, gelassen und konzentriert, ruhig und blitzschnell zugleich. Es geht um die Balance zwischen totalen Gegensätzen. Und je weiter die Pole auseinander sind, umso höher scheint die energetische Ladung zu sein. Mit anderen Worten: Auf die Flexibilität kommt es an. 

Der Körper und das Aussehen sind formbar

Im Grunde weiß das jeder, aber die meisten Menschen gehen doch davon aus, dass die Körperform in die Wiege gelegt wurde und dass sich die Formbarkeit in engen Grenzen hält. Natürlich kann man mit Sport viel erreichen und den Körper klarer „definieren“, wie man so schön sagt. Shaolinmönche sind zwar muskulös, aber sie sehen niemals wie Schwerathleten aus. Sie erinnern vielmehr an Tänzer oder Zirkus-Akrobaten. Sie arbeiten nicht nur mit Muskelkraft, sondern auch mit geistigen Kräften und feinstofflichen Energien: Willenskraft, Konzentration, Meditation – und nicht zuletzt mit der Lenkung der freien Lebensenergie Chi, auch Äther oder Prana genannt. Auch Atemtechniken und die Arbeit an sich selbst – man könnte es Mentaltraining oder Psychohygiene nennen – spielen eine wesentliche Rolle.

An den Grenzen des Möglichen

Das Tranining ist extrem hart und geht ständig an die Schmerzgrenze – und darüber hinaus. Das Ertragen von Schmerzen ist ein wesentlicher Aspekt der körperlichen Übungen. Dort, wo sich Schmerz rührt, zeigt der Körper eine Grenze auf. Und diese Grenze wird immer mehr ausgedehnt. Das Meistertraining ist von außen betrachtet eine brutale Quälerei, die kein gewöhnlicher Mensch auf sich nehmen möchte. Doch auch der Umgang mit Schmerzen ist eine spezielle Kunst, denn das Training soll nicht auszehrend, sondern stärkend wirken. Zur Linderung der Schmerzen werden zum Beispiel Qigong-Techniken eingesetzt, Dehn-Übungen, Atemtechniken und laute Schreie.

Lesetipp: Durch das Tal der Schmerzen – Mein erstes Kung-Fu-Training

Totale Aufmerksamkeit und Präsenz im Hier und Jetzt

Kung-Fu-Meister sind freundliche Menschen, aber sie wirken auch ziemlich distanziert. Das mag damit zu tun haben, dass sie sich in der Beobachterrolle befinden und nicht ablenken lassen. Die Konzentration der Mönche geht so weit, dass sie alles Weltliche von sich fernhalten – um auf eine ganz andere Weise frei zu werden von Leiden und Anhaftungen. Ja, Shaolin-Mönche leiden NICHT, auch wenn sie an der Schmerzgrenze trainieren. Sie wirken im Idealfall komplett entspannt und die Mimik ist völlig frei von emotionalen Blockaden. Wie das möglich ist, kann ein unerfahrener Mensch nur intuitiv erfassen. Denn allein durch das Zusehen bei den Übungen verändert sich die Verfassung des Zusehenden. Sie wird klarer, leichter und energiegeladener. Nicht alle Mönche trainieren körperlich. Es gibt auch Mönche, die hauptsächlich geistig an sich arbeiten und nur leichte Qigong-Übungen praktizieren. Sie bemühen sich um größte Achtsamkeit bei jeder Tätigkeit und versuchen alles so wahrnehmen wie es ist – bis hin zu kleinsten Details und Veränderungen.

Es ist ein lebenslanger Kampf mit sich selbst

Mit „Kampf“ ist in erster Linie der Kampf mit sich selbst gemeint – eine Art Schattenboxen und kein Zweikampf, wie er oft in Filmen dargestellt wird. Die Kampfkunststücke bestehen aus tänzerisch-akrobatischen Bewegungsabläufen, die äußerste Körperbeherrschung erfordern und eine enorme physische Kraft mobilisieren. Diese Kraft kann zum Abschmettern von Angriffen eingesetzt werden oder um feste Gegenstände zu zertrümmern. Das Gefühl, voller Kraft sein und immer stärker zu werden, ist wohl die größte Motivation für die Trainierenden, um alle Mühen auf sich zu nehmen. Und diese Kraft besteht nicht aus gewöhnlicher Muskelkraft, sondern vor allen aus der Fähigkeit, Kraft zu schöpfen – auch geistig und emotional. Shaolin-Mönche arbeiten ganz bewusst an ihrem Wohlbefinden und verrichten ihre Aufgaben mit größtmöglicher Freude.

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Irmgard Brottrager
Über Irmgard Brottrager 771 Artikel
Irmgard Brottrager ist Dipl.Ing. für Architektur und Innenarchitektur, Fachredakteurin und Fengshuiberaterin in Graz. Sie beschäftigt sich vorzugsweise mit Aufgaben, die mit dem Menschen und seinem Umfeld zu tun haben. Irmgard erreicht ihr unter i.brottrager@everyday-feng-shui.de

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