Es lohnt sich: Auf die Stillen hören

Nachdenken lässt es sich am besten in absolut ruhiger Umgebung. Oder etwa nicht? Manche Menschen brauchen sogar ein gewisses Grundrauschen, um sich auf eine Sache konzentrieren zu können. Wie passt das zusammen?

Pssst! Auch leise Menschen zum Zuge kommen lassen
Pssst! Auch leise Menschen zum Zuge kommen lassen (Foto: Daniela Vladimirova)

Ehrlich gesagt: Aus meiner Sicht passt es gar nicht zusammen. Um konzentriert zu arbeiten, schließe ich die Tür hinter mir und möchte noch nicht einmal die Fliege hören, die durchs Zimmer summt. In der Ruhe liegt die Kraft – das scheint mir eine selbstverständliche Tatsache zu sein. Jahrelang saß ich im Großraumbüro, und dort fand ich die nötige Ruhe nur, indem ich meine Umwelt bewusst komplett aus meiner Wahrnehmung ausschloss.

Angenehme Geräuschkulisse

Anderen Menschen ergeht es aber offenbar ganz anders. Sie scheinen die Umgebungsgeräusche geradezu zu suchen. Sie schalten morgens im Büro das Radio ein – nicht um wirklich zuzuhören, sondern um eine für sie angenehme Geräuschkulisse zu erzeugen. Manche Menschen stört es offenbar auch überhaupt nicht, wenn beim Einkaufen noch Musik aus den Lautsprechern die allgemeine Lautstärke verstärkt. Bei mir setzt in solchen Situationen ein Fluchtreflex ein.

Da ich mich zu den eher zurückhaltenden, introvertierten Menschen zähle, überrascht mein Verhalten nicht. Wer eher in sich gekehrt ist, sucht schneller die Ruhe als andere. Hirnforscher haben sich mit eher introvertierten und eher extravertierten Menschen befasst und Unterschiede bei den Hirnströmen festgestellt. Demnach zeigen die Gehirne von Introvertierten generell mehr Aktivität, selbst wenn sie sich im Ruhezustand befinden. Äußere Reize sind für diese Menschen zu viel und werden schnell als störend empfunden. Bei extravertierten Menschen ist es anders: Ihr Gehirn braucht den zusätzlichen Reiz von außen geradezu, um richtig in Schwung zu kommen.

Laute Menschen geben den Ton an

Laute Menschen geben in unserer Gesellschaft meist den Ton an
Laute Menschen geben in unserer Gesellschaft meist den Ton an (Foto: Keith Ellwood)

Kein Wunder also, dass es zu Missstimmungen kommen kann, wenn Menschen dieser unterschiedlichen Typen aufeinandertreffen. Dabei dürfte klar sein, wer in diesen Fällen am häufigsten den Kürzeren zieht: der Stille. Die lauteren Vertreter geben meistens den Ton an. Im Wirtschaftsleben wird das besonders deutlich. Erfolg hat, wer sich und seine Meinung am besten verkauft. Und das sind meistens solche Menschen, die sehr gern aus sich herausgehen. Ob sie dabei noch hören, was andere zu sagen haben, ist manchmal fraglich.

Genau das aber wäre sinnvoll, meint die Beraterin und Autorin Sylvia Löhken. Andernfalls gehen jede Menge gute Ideen ungehört unter. Unternehmen rät Löhken, die verschiedenen Welten von introvertierten und extravertierten Mitarbeitern zusammenzubringen. Nicht nur die „Lauten“ müssten demnach auf die „Leisen“ hören. Auch die Introvertierten sollten ihren Blick erweitern und nicht nur Ihresgleichen suchen. Denn zunächst einmal sind sich die Vertreter der unterschiedlichen Typen in ihrer eigenen Gruppe sympathischer. Wenn aber nur die jeweils introvertierten oder extravertierten Mitarbeiter miteinander kommunizieren, kann das für den unternehmerischen Erfolg nicht gut sein.

Introvertiert oder extrovertiert – welcher Typ bin ich?

Erfolgreich mit introvertiertem Boss

Auch ein extravertierter Boss ist längst nicht so erstrebenswert, wie es allgemein angenommen wird. Es besteht nämlich die Gefahr, dass zu viele gute Vorschläge von stillen Mitarbeitern ungehört bleiben. Untersuchungen des Management-Professors Adam Grant ergaben, dass Unternehmen oft mit einem introvertierten Chef besser fahren. Denn dieser nimmt wahrscheinlich mehr Impulse aus der Belegschaft in den Entscheidungsprozess auf. Das wiederum wird in der komplizierteren Wirtschaftswelt immer wichtiger. Einsame Entscheidungen führen seltener zum Erfolg.

Quelle:

www.spiegel.de – Introvertierte: Leise Töne, starke Wirkung

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