Kunststoffkritik: Gibt es einen Alltag ohne Plastik?

Plastik ist leicht, dabei sehr beständig, billig in der Herstellung und praktisch überall einzusetzen. Industrie und Verbraucher waren gleichermaßen begeistert von dem Kunststoff, als er im vergangenen Jahrhundert seinen Siegeszug durch alle Lebensbereiche antrat. Heute ist eine Welt ohne Plastik nicht mehr vorstellbar. Oder etwa doch?

Die Verschmutzung mit Plastikflaschen-Müll hat inzwischen ein unvorstellbares Ausmaß erreicht
Die Verschmutzung mit Plastikflaschen-Müll hat inzwischen ein unvorstellbares Ausmaß erreicht (Foto: John Bosma)

Die faszinierende Vielseitigkeit von Kunststoff und die günstige Herstellung haben dafür gesorgt, dass sich praktisch in allen Alltagsgegenständen Plastik befindet. Ob Haushaltsgeräte, Computer, Kosmetikartikel, Spielzeug, Kleidung, medizinische Geräte oder Möbel – kaum ein Produkt kommt ohne Kunststoff aus. Hinzu kommen Verpackungen für Lebensmittel und alle anderen Waren des täglichen Bedarfs. Nach dem Einkauf knistern unzählige Plastikfolien in der Einkaufstüte. Ein aufmerksamer Blick auf die langen Regale im Supermarkt zeigt: Vom Joghurt über das Shampoo bis zum Kaffee sind sämtliche Produkte von zumeist bunt bedrucktem Kunststoff umhüllt.

Kunststoffe sind extrem langlebig

Plastik hat zwar viele Vorteile, ist aber nicht unumstritten. So stehen bestimmte Kunststoffe unter dem Verdacht, Krebs zu erregen oder den Hormonhaushalt des Menschen zu verändern. Das trifft zum Beispiel auf den Weichmacher Bisphenol A zu, der sich in vielen Alltagsgegenständen wie Getränkeflaschen findet. Bisphenol A kann sich in kleinen Mengen aus dem Kunststoff lösen, über die Nahrung in den Körper gelangen und hormonelle Veränderungen beim Menschen auslösen. Es dauerte nach Bekanntwerden der Gefahren viele Jahre, bis in der EU ein Verbot von Bisphenol A zumindest für die Herstellung von Babyfläschchen in Kraft trat.

So lange dauert es, bis mancher Müll im Meer vollständig abgebaut ist
So lange dauert es, bis mancher Müll im Meer vollständig abgebaut ist (Bildquelle: National Oceanic and Atmospheric Administration / NOAA)

Plastik ist kaum kaputt zu bekommen. Was für die Industrie von Vorteil ist, rächt sich, wenn der Kunststoff als Abfall in gigantischen Mengen durch die Meere schwimmt. Plastik löst sich nicht auf, es hält viele Jahrzehnte und zerfällt allenfalls in kleinere Teile. In Flüssen und Meeren finden sich unvorstellbare Mengen dieser kleinen Plastikteile. Fische, Vögel und andere Tiere können nehmen diese Kunststoffreste mit der Nahrung auf. Selbst wenn Plastik ordnungsgemäß entsorgt wird, ist es nicht unproblematisch. So entstehen beim Verbrennen oft giftige Gase.

Spannendes Experiment einer Familie

Es spricht also einiges gegen den überbordenden Einsatz von Kunststoff. Aber ist ein Verzicht überhaupt noch möglich? Eine österreichische Familie wollte es wissen und wagte ein Experiment, das inzwischen zur Lebensform geworden ist. Die Berichte über den recht erfolgreichen Versuch der Familie, das Plastik aus dem Alltag zu verbannen, sind ebenso eindrucksvoll wie ermutigend. Sie machen einerseits deutlich, dass inzwischen tatsächlich alle Lebensbereiche von Kunststoffen durchdrungen sind. Andererseits wird aber auch klar, dass es durchaus praktikable Alternativen zu einem Alltag mit Plastik gibt.

Sandra Krautwaschl wagte mit ihrer Familie das Experiment, gänzlich auf Plastik im Alltag zu verzichten
Sandra Krautwaschl wagte mit ihrer Familie das Experiment, gänzlich auf Plastik im Alltag zu verzichten (Bildquelle: www.keinheimfuerplastik.at)

Die Industrie sucht derweil bereits nach Alternativen für die herkömmlichen Kunststoffe auf Erdölbasis. Dahinter stecken weniger Überlegungen zum Umweltschutz, als vielmehr die zu erwartenden Preissteigerungen für Erdöl. Inzwischen gibt es Plastik aus Mais, Soja oder Zuckerrohr. Doch auch bei solchen Biokunststoffen ist Vorsicht angeraten. Sie sind nicht unbedingt eine gute Alternative zum „normalen“ Plastik, sondern im Zweifel ebenso langlebig und schwer zu entsorgen. Ihr Vorteil besteht zunächst allein darin, dass sie nicht mehr auf Erdöl, sondern auf nachwachsenden Rohstoffen basieren. Wenn allerdings Nahrungsmittel wie Mais oder Soja zur Plastikproduktion angebaut werden, ist auch das nicht unproblematisch. Und wenn die Plastiktüte laut Aufdruck „kompostierbar“ ist, muss das nicht besonders nachhaltig sein. Kompostierbar bedeutet in dem Fall lediglich, dass mindestens 90 Prozent des Kunststoffs unter bestimmten Bedingungen abbaubar sind. Im eigenen Kompost möchte man auf derartige Beigaben wohl gern verzichten. Das Umweltbundesamt hat eine eindeutige Empfehlung: Verpackungen jeglicher Art möglichst oft zu benutzen. Am besten scheint es wohl tatsächlich zu sein, Kunststoffe so weit wie möglich zu vermeiden. Ob man so weit gehen kann und möchte wie die österreichische Familie, sei jedem selbst überlassen.

Leben ohne Plastik – die ganze Sendung zum Thema

Quellen:

www.planet-wissen.de – Leben ohne Plastik – Ein Selbstversuch
www.planet-wissen.de – Biokunststoffe

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