Das Analogieprinzip: Wie im Großen, so im Kleinen

Was hat Feng Shui mit der Antike zu tun? Mehr, als man zunächst vermuten würde. Bestes Beispiel dafür ist das Analogieprinzip. In der westlichen Kulturtradition erscheint diese Gesetzmäßigkeit erstmals in den „Hermetischen Schriften“. Doch auch die chinesische Philosophie kennt das Analogieprinzip. Ist das der Beweis für die Existenz eines universellen Wirkmechanismus‘?

Hermes Trismegistos: Fußbodenmosaik im Dom von Siena
Fußbodenmosaik des Hermes Trismegistos im Dom von Siena (Foto: Stefano Maffei)

Hermes Trismegistos ist eine literarische Gestalt aus der Antike. Bis in die Neuzeit hinein glaubte man, dass er tatsächlich gelebt habe.

In esoterischen Kreisen gilt der „dreimal größte Hermes“, wie die griechische Übersetzung seines Namens lautet, als Verfasser der nach ihm benannten Hermetischen Schriften. Zu besonderem Ansehen gelangten die Schriften in der Renaissance, als man sie als Zeugnisse uralten Wissens schätzte: Es werden darin grundlegende kosmische Prinzipien beschrieben.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die Schriften nicht, wie zunächst angenommen, auf die Zeit des Moses oder sogar früher zu datieren sind, sondern erst in der Zeit zwischen 100 und 300 n. Chr. entstanden sein können und somit hellenistischen Ursprungs sind. Die Autorschaft konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. In den Hermetischen Schriften wird populäres philosophisches Gedankengut der Epoche verarbeitet und mit altägyptischen Mysterien verknüpft. Die Esoterikszene bedient sich auch heute noch ganz gerne der „Kosmischen Gesetze nach Hermes Trismegistos“ um die Zusammenhänge in der Welt zu erklären.

Parallelen zu fernöstlichen Philosophien

Ganz so einfach wollen wir es uns nicht machen. Dennoch ist es interessant, sich in der westlichen Kulturtradition ein wenig umzusehen. Es lassen sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten zu philosophischen Strömungen aus Fernost entdecken. Dies betrifft auch die kosmischen Prinzipien des Hermes Trismegistos. Eines der Prinzipien lautet „Gesetz der Polarität“. Es besagt, dass alles zwei Pole bzw. ein Paar von Gegensätzlichkeiten hat. „Gleich und ungleich ist dasselbe: Gegensätze sind identisch in der Natur, nur verschieden im Grad“. Feng Shui Interessierten dürfte dies in Form des Yin-Yang-Prinzips bekannt vorkommen.

Erkenntnisgewinn durch Analogiebildung

Astrolabium
Astrolabium (Foto: Landahlauts)

Noch viel spannender in diesem Zusammenhang ist eigentlich das Analogieprinzip, auch Prinzip der Entsprechung genannt. Es lautet sinngemäß: „Wie oben, so unten, wie unten, so oben.“ Aus der abendländischen Tradition ist uns eher die Übertragung des Wortlauts als „Wie im Himmel, so auf Erden“ ein Begriff. Physiker sprechen zuweilen auch in abgewandelter Form davon, dass im Makrokosmos wie im Mikrokosmos die gleichen Gesetzmäßigkeiten herrschen. Philosophisch betrachtet lässt sich das Analogieprinzip aber noch viel weiter fassen:

„Es gibt Ebenen des Lebens, über die wir nichts wissen, doch wenn wir das Prinzip der Analogie auf sie anwenden, reicht unser Verständnis viel weiter als vorher. Das Prinzip manifestiert sich auf den verschiedenen Ebenen des materiellen, geistigen und spirituellen Universums; es ist also ein universelles Gesetz.“ (Quelle: www.hermetik.ch)

Genauso wie Elektronen um einen Atomkern kreisen, bewegen sich die Planeten unseres Sonnensystems um die Sonne. Bei einer Fußreflexzonen-Massage besitzt jeder Bereich unseres Fußes eine Entsprechung im übrigen Körper und es lassen sich z.B. gezielt organische Beschwerden behandeln. Beim Gesichtslesen wird auf Grundlage der Gesichtsphysiognomie versucht, auf die seelischen und charakterlichen Eigenschaften eines Menschen zu schließen. Solche Beispiele ließen sich beliebig fortführen. Inwiefern die genannten Punkte einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt. Es soll hier vielmehr um die Verdeutlichung des Prinzips gehen, da es viel über die methodische Herangehensweise im Feng Shui aussagt.

Feng Shui nutzt das Analogieprinzip

Fischschwarm: In Harmonie mit der Umgebung
Fischschwarm: In Harmonie mit der Umgebung (Foto: Mr eNil)

Feng Shui basiert auf Naturbeobachtungen. Wenn das häusliche Umfeld oder die Wohnung nach Feng Shui Prinzipien gestaltet wird, dann geschieht dies in Anlehnung an die Natur und in Analogie zu natürlichen Landschaften, die zugleich dem Charakter der jeweiligen Person Rechnung tragen. Das Wohnumfeld übernimmt somit eine Mittlerrolle: Es bezieht den Menschen in die Natur ein und lässt ihn teilhaben am kosmischen Ganzen. Mensch und Natur werden auf diese Weise harmonisiert und schwingen wieder gemeinsam „in Phase“.

Die Auswirkungen dieser Harmonisierung sind keinesfalls rein physischer Natur, sondern müssen auch unter spirituellem Aspekt betrachtet werden. Denn dort, wo die Realität den eigenen Wünschen und Bedürfnissen angepasst wird, greift das Gesetz der Kausalität (Ursache-Wirkungs-Prinzip) viel zu kurz. Wie in der psychosomatischen Medizin, wo körperliche Leiden mit Hilfe der Psychologie über Analogien (nicht Kausalitäten!) behandelt werden, so lassen sich mit Feng Shui wirkungsvolle Akupunkturnadeln in unsere „dritte Haut“ (= unser Wohnumfeld) setzen.

Beitrag teilen:
Über Long Wang 319 Artikel
Meister Long Wang ist seit 2007 Teil des Everyday Feng Shui Redaktionsteams und bereichert seither als Experte für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) mit seiner fernöstlichen Perspektive auf die Welt unsere Plattform. Zu erreichen ist er unter l.wang@everyday-feng-shui.de

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*