Feng Shui und christlicher Glaube: Ein Widerspruch?

Vertreter christlicher Religionen sehen den wachsenden Zuspruch fernöstlicher Lehren in Deutschland und Österreich zunehmend mit Sorge. Warum erfreuen sich Feng Shui, Yoga und Co. hierzulande immer größerer Beliebtheit, während den großen Kirchen die Mitglieder davonlaufen?

Miteinander, nicht gegeneinander!
Miteinander, nicht gegeneinander! (Foto: murdelta)

„Steckt da etwa wieder der Eckart Haase dahinter“, haben wir uns zuerst gefragt, als wir bei pressetext austria über eine Ankündigung für eine Podiumsdiskussion in Wien mit dem Titel „Die 10 Gebote – Veraltete Vorschrift oder aktuelle Orientierungshilfe?“ gestolpert sind. Dies allein wäre uns jedoch noch keine News-Meldung wert gewesen, zumal es in der Pressemeldung eigentlich um die Vermarktung des Buches „10 Gebote Reloaded“ von Erwin Bader geht.

Interessant oder vielmehr besorgniserregend ist jedoch die negative Stimmung, die im Vorfeld der Veranstaltung durch die Pressemeldung geschürt wird. Allein das erscheint uns ein untrügliches Zeichen dafür zu sein, dass die römisch-katholische Kirche aufgrund ihres anhaltenden Mitgliederschwundes immer weiter in die Defensive gerät und bei einigen Verantwortlichen die Nerven offenbar blank liegen. Bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Buchvorstellung soll es um die Flucht vieler Menschen in fernöstliche Lehren, esoterische Lebensphilosophien und okkulte Glücksversprechen wie Elementarenergie, Feng Shui, Yoga und Selbstheilung gehen.

Vom Mantra singen und Sprüche Murmeln

Des Weiteren heißt es in der Pressemeldung: „Gegen meist hohe Kursgebühren suchen die Menschen anderweitig nach spiritueller Erfüllung, murmeln Sprüche und Mantras, deren Bedeutung ihnen oftmals gar nicht bewusst ist, und richten Speisepläne, Wohnungseinrichtungen und Lebensgewohnheiten nach Lehren aus, die ihnen ein besseres Leben versprechen.“ Was uns trotz des abwertenden Untertons positiv stimmt ist, dass daraufhin wenigstens die richtigen Fragen gestellt werden:

„Woran liegt es, dass es vielen – unserer Welt eigentlich völlig unverständlichen – Traditionen anderer Kulturen gelingt, sich als trendy, neu und jugendlich zu verkaufen, während christliche Vorstellungen als sinnentleert, veraltet und „uncool“ bewertet werden? Warum bekennt sich jeder gerne dazu, nach Feng Shui zu leben, während das Kreuz über dem Türstock bereits gerechtfertigt werden muss? Weshalb gelingt es der Kirche nicht, ihr jahrhundertelang gepflegtes Gedankengut neu zu interpretieren, an neue Ansprüche zu adaptieren und die Menschen wieder dafür zu begeistern?“ (Quelle: www.pressetext.at / Maria Schlager)

Katholische Prozession in der Priory Church in Oxford
Katholische Prozession in der Priory Church in Oxford (Foto: Lawrence OP)

Zunächst möchten wir noch einmal betonen, dass sich Feng Shui jederzeit mit dem christlichen Glauben, aber ebenso mit dem Glauben an Buddha, Allah, Jahwe oder eine andere Gottheit vereinbaren lässt. Eine Polarisierung, wie sie in der Pressemeldung vorgenommen wird, ist hier also aus unserer Sicht völlig fehl am Platze. Feng Shui erhebt nicht den Anspruch einer Religion und kann daher von sich auch nicht mit anderen Religionen in Konflikt geraten. Feng Shui Prinzipien sind zudem kein Dogma, sondern lassen viel Spielraum für die eigene kreative und spirituelle Lebensverwirklichung. Genauso wenig beeinträchtigen diese Prinzipien das eigene Leben, sondern dienen eher als eine Art Orientierungshilfe für die Gestaltung der physischen Welt, die uns umgibt.

Warum asiatische Lehren als modern und die christliche Kirche zunehmend als veraltet und „uncool“ wahrgenommen werden, dafür gibt es sicher eine ganze Reihe von Gründen, über die sich trefflich streiten lässt. Einer dieser Gründe ist vermutlich tatsächlich der Zeitgeist. Das duldsame Ertragen der eigenen Lebenslast lässt sich nicht mehr so einfach durch ein Heilsversprechen im Jenseits aufwiegen. Der heutigen Jugend (zumindest in Westeuropa) stehen viele Möglichkeiten offen, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen und ihren Lebensweg aktiv mitzugestalten.

Zudem ist der Himmel auf Erden für viele Menschen auch insofern vermeintlich nahe, weil uns die Konsumgesellschaft, in der wir leben, dies suggeriert. Maximale Bedürfnisbefriedigung, der ganz große Spaß und Selbstverwirklichung sind Werte, die in den Köpfen der Menschen inzwischen viel Raum einnehmen. Dagegen sind auch die asiatischen Lehren nicht gefeit.

Das Zeitalter der großen Ideologien ist vorbei

Monument der Vergangenheit: Marx und Engels Denkmal in Berlin
Monument der Vergangenheit: Marx und Engels Denkmal in Berlin (Foto: Mr. Theklan)

Ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass das Zeitalter der großen Ideologien vorbei ist. Wir leben in einer ambivalenten Welt, des „sowohl als auch“. Für Religionen aber ebenso für politische Ideologien wird es immer schwerer einen gewissen Absolutheitsanspruch zu behaupten. Die Menschen picken sich aus den ideologischen und spirituellen Angeboten das heraus, was am besten zu ihnen und zu ihrem Leben passt. Feng Shui hat es hier leicht, da ein Absolutheitsanspruch in der Ideenlehre nicht existiert.

Feng Shui ist darüber hinaus vollkommen unpolitisch und lässt sich in vielfältige Lebensmodelle integrieren. Die katholische Kirche hat es da allein schon durch ihre unpopuläre Einstellung zu Sex vor der Ehe, Verhütung, Abtreibung, homosexuelle Lebensgemeinschaften, den Rückzug von der Schwangerenkonfliktberatung usw. bedeutend schwerer. Die Strukturen der christlichen Kirchen sind zudem verhaftet in veraltetem Hierarchiedenken. Die Folge dessen ist Unflexibilität. Auf Veränderungen in der Gesellschaft, kann nicht schnell genug und somit auch nicht für die heutige Zeit angemessen reagiert werden. Auch hier hat es Feng Shui und andere asiatische Lehren einfacher, da davon ausgegangen wird, dass sich alles Leben im Fluss befindet. Die ständige Anpassung an sich ändernde Gegebenheiten ist wichtiger Bestandteil der Lehre.

Diese Gedanken erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Wir sind gespannt auf eure Meinungen dazu. Feng Shui und christlicher Glaube: Besteht hier ein Widerspruch oder lässt sich beides miteinander vereinbaren?

www.everyday-feng-shui.de

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Über Long Wang 315 Artikel
Meister Long Wang ist seit 2007 Teil des Everyday Feng Shui Redaktionsteams und bereichert seither als Experte für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) mit seiner fernöstlichen Perspektive auf die Welt unsere Plattform. Zu erreichen ist er unter l.wang@everyday-feng-shui.de

1 Kommentar

  1. Ich frage mich nur immer wieder, wer darauf gekommen ist, dass die Analyse raumpsychologischer Zusammenhänge in irgendeinem Zusammenhang mit Religion stehen könnte?

    Wenn Feng Shui zu einer Religion gehört oder mit einer unvereinbar ist, dann ist es die Psychologie auch, oder?

    Oder liegt es an den vielen Hardcoreesoterikern, die gerne alle möglichen Begriffe in einen Topf werfen und umrühren?

    Gerhard Zirkel

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