Glücklich mit weniger Auswahl

Wir leben in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Werbung und unser Umfeld suggerieren jedenfalls: Alles ist möglich. Wir müssen lediglich die richtige Wahl treffen. Genau das kann richtig anstrengend sein.

Zu viel Auswahl überfordert uns oft und erschwert Entscheidungen
Zu viel Auswahl überfordert uns oft und erschwert Entscheidungen (Foto: Ofer Deshe)

Neulich wollte ich auf dem Weg nach Hause noch schnell ein Glas Senf kaufen. Im Supermarkt stand ich vor einem viele Meter langen Regal, gefüllt mit Senfgläsern unterschiedlichster Sorten. Es war mir völlig unmöglich, das Angebot zu überblicken. Auch war ich nicht in der Laune, mich durch all die Aufdrucke auf den Senfgläsern zu arbeiten. Stattdessen ging ich das Regal ab und zählte die unterschiedlichen Senfsorten. Es waren über 70.

Gekauft habe ich nichts. Aber es ist mir doch etwas deutlich geworden: Zuviel Auswahl macht die Sache so kompliziert, dass im Zweifel gar keine Entscheidung fällt. Nun ist der Senf ein ziemlich banales Beispiel, und ich kann sicherlich ganz gut ohne ihn auskommen. Im Grunde sind aber alle Lebensbereiche betroffen. Ob Möbel, Lebensmittel, Schulart, Urlaubsort oder Lebensweise – es gibt schier unendlich viele Wahlmöglichkeiten.

Stress durch zu viel Auswahl

Ob Schuhe, Möbel oder Lebensmittel wie etwa Wurst: Wird die Auswahlmöglichkeit zu groß, geraten wir in Stress
Ob Schuhe, Möbel oder Lebensmittel wie etwa Wurst: Wird die Auswahlmöglichkeit zu groß, geraten wir in Stress (Foto: Erich Ferdinand)

Große Auswahl suggeriert große Freiheit, nämlich Entscheidungsfreiheit. Selten aber scheinen Menschen damit richtig glücklich zu werden. Denn mit der Auswahlmöglichkeit ist der Anspruch verbunden, die beste Wahl zu treffen. Auf keinen Fall möchte man sich nachher ärgern, weil vielleicht ein anderes Angebot besser, günstiger, passender gewesen wäre. Aus einer riesigen Angebotspalette aber das eine, richtige, genau passende Angebot herauszufinden, kann echten Stress verursachen.

Hätte ich neulich nicht auf den Senf verzichten wollen, sondern vielleicht einer Freundin versprochen, ihr auf jeden Fall ein Glas mitzubringen – es hätte mich vor Probleme gestellt. Zunächst einmal hätte ich viel Zeit gebraucht, um jede einzelne Sorte erst einmal zu sehen. Dann hätte ich die unterschiedlichen Angebote prüfen müssen, zum Beispiel auf Qualität und Preis. Und schließlich hätte ich entscheiden müssen. Sicherlich hätte ich der Freundin nicht irgendetwas, sondern die möglichst genau passende Senfsorte zum besten Preis mitbringen wollen. Ich wäre überfordert und bestimmt schlecht gelaunt gewesen.

Es muss nicht immer perfekt sein

Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz sieht besonders solche Menschen in Gefahr, die ständig bestrebt sind, die beste Möglichkeit zu wählen. Diese sogenannten Maximierer prüfen jede Entscheidung sehr genau, was schon anstrengend genug ist. Zudem können sie kaum zufrieden sein mit ihren einmal getroffenen Entscheidungen. Denn sie prüfen auch danach noch, ob es bessere Möglichkeiten gegeben hätte. Frust ist also programmiert.

Zufriedener gehen laut Barry Schwartz diejenigen durchs Leben, die bei ihren Entscheidungen darauf achten, ob die Wahl in Ordnung ist für sie. Diese Menschen möchten ihre Ansprüche erfüllt wissen, mehr verlangen sie nicht. So können sie schneller auswählen, und später machen sie sich keine Gedanken mehr darüber, ob eine andere Wahl besser gewesen wäre.

Im Grunde machen wir uns ohnehin selbst etwas vor, wenn wir meinen, mehr Auswahl bringe mehr echte Wahlmöglichkeiten. Denn offensichtlich sind wir nicht selten überfordert mit zu vielen Möglichkeiten und lassen uns gern bei der Entscheidung „helfen“. Um auf meinen verhinderten Senfkauf zurückzukommen: Wenn vor dem meterlangen Regal eine einzelne Senfsorte separat angeboten worden wäre zu einem durchschnittlichen Preis – ich hätte bestimmt zugegriffen.

Man muss eben nicht jedes Überangebot an Auswahlmöglichkeiten nutzen. In diesem Sinne finde ich das Zitat des Psychologen Barry Schwartz hilfreich: „Die Wahl, wann wir wählen wollen, ist möglicherweise die wichtigste Wahl, die wir treffen können.“

Quellen:

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