Konsumterror: Schwerer Weg zum einfachen Leben

Es scheint gar nicht so einfach zu sein, ein einfaches Leben zu führen. So sind die meisten Deutschen theoretisch bereit, auf Besitz zu verzichten. Bei der Umsetzung hapert es dann aber erheblich.

Brauchen wir wirklich viel, um glücklich zu sein?
Brauchen wir wirklich viel, um glücklich zu sein? (Foto: 55Laney69 / Flickr)

Gerade hat der Bundesverband Verbraucherzentrale eine aktuelle Umfrage zur Sharing Economy vorgestellt. Demnach sind 88 Prozent der Befragten grundsätzlich bereit, Dinge zu verleihen. Aber immerhin 79 Prozent würden ihren Besitz nur innerhalb des Bekanntenkreises weiterreichen. Und auch in umgekehrter Richtung scheinen die Vorbehalte beim Verzicht auf Besitz recht groß zu sein: Wer selbst etwas leihen möchte, erwartet Garantien und Sicherheiten.

Sehnsucht nach Natur

Es ist oft von der Sehnsucht nach dem einfachen Leben die Rede. Tatsächlich haben sich Minimalismus und Downshifting zu Trends entwickelt. Viele Menschen wollen mit weniger auskommen. Sie möchten bewusst auf materiellen Besitz und Karriereleiter verzichten mit dem Ziel, mehr Lebensqualität zu erhalten. Weniger Ballast macht den Weg frei, sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren, so die Überlegung. Auch die Sehnsucht nach ursprünglicher Verbundenheit mit der Natur scheint zum Trend zu werden. Was aber wird Wirklichkeit von den schönen Träumen?

Vermeintlicher Traum vieler Großstädter: Ein Häuschen in der Natur
Vermeintlicher Traum vieler Großstädter: Ein Häuschen in der Natur (Foto: anoldent / Flickr)

Wem alle Optionen offen stehen, dem stellen sich auf dem Weg zum einfachen Leben offenbar einige Stolperfallen. Die Deutschen sind zwar mehrheitlich der Ansicht, dass materielle Werte nicht besonders wichtig sind. Tatsächlich verzichten wollen dann aber doch die wenigsten.

Anders verhält es sich selbstverständlich bei all jenen, denen sich die Frage nach freiwilligem Verzicht gar nicht stellt. Wem die finanziellen Mittel fehlen, dem stehen kaum Optionen offen. Der Verzicht auf materiellen Besitz ist dann kein selbst gewählter Lebensentwurf, sondern pure Notwendigkeit.

Trend mit Auswüchsen

Wo aber keine finanzielle Notwendigkeit existiert, hat der Trend zum „einfachen Leben“ an vielen Stellen eigentümliche Auswüchse. Wenn die teure Campingausrüstung mit dem Geländewagen in die Natur transportiert wird, um im Wald das einfache Leben zu üben, ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit offensichtlich.

Neulich bewunderte ich einen Jogger am Sandstrand. Während ich meine Füße mit dicken Laufschuhen vor Steinen und Muscheln schützte, kam er mir nämlich barfuß entgegen. Vielleicht ist es mit Abhärtung oder mentalem Training zu schaffen, einfach über die spitzen Steine hinwegzulaufen, überlegte ich. Dann kam der Mann näher, und es lüftete sich das Geheimnis: Er trug Barfußschuhe.

Konsum folgt auf Verzicht

Auf dem Weg zum „einfachen Leben“ gibt es unendlich viele Hilfsmittel und Möglichkeiten. Verzicht geht ganz schnell mit dem nächsten Konsum einher – und man hat es vielleicht noch nicht einmal bemerkt. Wer vom Auto aufs Fahrrad umsteigt, wählt wohl kaum Opas altes Rad aus dem Keller. Es wird wahrscheinlich eher das gefederte Modell mit guter Gangschaltung, modernsten Bremsen und Hightech-Beleuchtung sein. Dazu kommen Helm, Radlerhandschuhe, Funktionskleidung und hochwertige Satteltaschen.

Ich selbst tappe gerade in die gleiche Falle: Weil selbst gemachte Erdbeermarmelade einfach am besten schmeckt und sie mir den Kauf industriell hergestellter Ware erspart, koche ich ein paar Gläser für das große Familienfrühstück. Weil aber die Beeren aus dem eigenen Garten nicht ausreichen, kaufe ich das Obst schnell dazu.

Sicherlich ist es weder verwerflich, sich ein gutes Fahrrad zuzulegen noch zweifelhaft, Erdbeeren einzukaufen. Vielleicht täte es aber an der einen oder anderen Stelle gut, darüber nachzudenken, ob es auch anders geht. Und was es mit unserem Wunsch nach dem „einfachen Leben“ überhaupt auf sich hat.

Quellen:

1 Kommentar

  1. Der Text ist sehr gut, aber am Ende zu soft. Der Konsumterror führt dazu, dass viele Menschen krank werden und keine Zeit mehr für das Wichtige im Leben haben – zum einen weil der Konsum selbst Zeit kostet, zum anderen weil das nötige Geld verdient werden muss. Am Schlimmsten ist aber dass wir damit die Welt zerstören. 5,5 Millionen Tote weltweit pro Jahr(!) durch Luftverschmutzung sind eine direkte Folge des übermäßigen Konsums und für unsere Nachkommen sieht es völlig düster aus: z.B. verbrauchen wir in Deutschland sieben Mal so viel Energie wie wir aus erneuerbaren Quellen schöpfen – und das 2016 nach etlichen Jahren „Energiewende“. Sechs Siebtel kommen immer noch aus Kohle, Öl, Gas und Atomkraft, Ergebnis sind Ressourcenschwund, Klimawandel, millionenfach Krebs und Tod durch Luftverschmutzung. Das sind die entscheidenden Gründe, warum wir unseren Konsum radikal zurückschrauben müssen. Auch mit einem Siebtel des Energieverbrauchs könnten alle in Deutschland sehr gut leben, mit weniger Mobilität, Shopping und Wohnraum aber auch weniger Stress und mehr hochwertiger Lebenszeit. Es ist ein psychologisches Problem, auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und individueller Ebene.

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