Nachhaltig dämmen: Seegras ist besser als Styropor

Wenn die Heizung auf Hochtouren läuft, es aber in der Wohnung doch nicht richtig warm wird, dann ist das Haus wahrscheinlich schlecht gedämmt. Das treibt die Heizkosten in die Höhe und verschwendet zumeist wertvolle Rohstoffe. Die weitverbreitete Lösung besteht in der Fassadendämmung mit Styroporplatten. Zu empfehlen ist das aber nicht.

Ungenutztes Bau- und Dämmmaterial: Seegras-Haufen am Strand
Ungenutztes Bau- und Dämmmaterial: Seegras-Haufen am Strand (Foto: Michael Coghlan)

Das komplette Verkleiden von Häusern mit den Platten aus dem weißen, leichten Kunststoff Polystyrol (bekannt unter dem Markennamen Styropor) ist seit einigen Jahren enorm im Trend. Deutschlandweit hängen inzwischen 900 Quadratkilometer Polystyrolplatten an Hausfassaden. Kein Wunder, immerhin gibt es für Hauseigentümer reichlich finanzielle Anreize zum energetischen Sanieren und Dämmen mit Styropor. Die Kosten lassen sich auf die Mieter umlegen.

Schimmel hinter Styropor

Nachdem jahrelang munter Haus für Haus mit den Kunststoffplatten versiegelt wurde, werden nun Zweifel laut, ob dieses Material wirklich so gut zum Dämmen geeignet ist. Brandgefahr, Schimmelbildung und Umweltbelastung – die Styroporplatten haben es offenbar in sich.

Nun lässt es sich sicherlich ausgiebig darüber spekulieren, warum die unangenehmen Begleiterscheinungen so spät erkannt wurden. Natürliche Alternativen zu Polystyrol als Dämmstoff sind durchaus vorhanden. Holzspäne, Stroh, Schilf und Hanf sind aber zunächst einmal deutlich teurer als die leichten Styroporplatten. Und natürlich eignen sich die Kunststoffplatten gut zum schnellen Nachrüsten, denn sie sind ruckzuck an jeder Fassade. Müssen (oder sollen) sie aber wieder abgenommen werden, dann drohen hohe Kosten für die Entsorgung.

Styropor wird immer häufiger mit Brandgefahr, Schimmelbildung und Umweltbelastung in Verbindung gebracht
Styropor wird immer häufiger mit Brandgefahr, Schimmelbildung und Umweltbelastung in Verbindung gebracht (Foto: Björn Láczay)

Für mich steht längst fest, dass Polystyrol kein freundliches Material ist. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich hören muss, wie eine Styroporplatte geschnitten wird. Und es erstaunt mich überhaupt nicht, dass Experten nun gravierende Nachteile des großflächigen Einsatzes von Styropor als Dämmstoff feststellen.

Hausdächer mit Seegras

Bei der Recherche zum Dämmmaterial Styropor und seinen natürlichen Alternativen stieß ich auf ein sagenhaftes Material. Das ist nicht neu, und es war schon vor Jahrhunderten im Einsatz. Es geriet aber irgendwann, als die Kunststoffe an Bedeutung gewannen, in Vergessenheit. Die Rede ist von Seegras. Es diente früher in Küstengebieten als Dacheindeckung, wurde zur Haus- und Schiffsdämmung oder auch als Füllung für Matratzen genutzt.

Seegras? Ist das nicht dieses Zeug, das manchmal in so großen Mengen an der Meeresküsten schwimmt, dass man selbst gar keine Lust mehr hat, ins Wasser zu gehen? Genau das ist Seegras. Es wächst vom Meeresboden in langen, fadenartigen Blättern Richtung Wasseroberfläche. Wird es von der Strömung abgerissen, landet es früher oder später an der Küste. Aus den Haufen grüner Seegrasfäden werden schnell große, braune Knäuel. Da das den Badegästen meistens wenig zusagt, arbeiten Gemeinden in betroffenen Küstengebieten an Nord- oder Ostsee in den Sommermonaten schwer daran, die getrockneten Seegrasberge wegzuschaffen. Traktoren und Schaufelbagger sind dann im Dauereinsatz für einen sauberen Strand. Oft landen die so weggeschaufelten Seegras-Sand-Abfall-Mengen in der Müllverbrennung. Das ist schade.

Über die Vorteile von Seegras

Schwerelose Schritte am Strand

Wer schon einmal an der Ost- oder Nordsee spaziert ist, als sich das Seegras türmte, kennt vielleicht dieses gute Gefühl: Schritte auf dem trockenen Seegras erwecken einen Eindruck von Schwerelosigkeit. Die braunen Haufen sind vielleicht nicht besonders ansehnlich. Sie lassen aber schon ahnen, wozu das Material in der Lage ist.

Gewaschen und getrocknet, eignet sich Seegras aus mehreren Gründen besonders gut als Dämmstoff, aber auch zum Füllen von Kissen, Polstern oder Matratzen. Es ist schwer entflammbar, es hält die Wärme sehr gut, es schimmelt nicht und ist resistent gegen jegliches Ungeziefer. Bemerkenswert ist dabei, dass keinerlei Zusatzstoffe benötigt werden.

Es ist doch eine schöne Idee, aus der Natur das zu nehmen und für neue Zwecke zu nutzen, das „übrig“ ist. Auch wenn das nicht ganz richtig ist. Denn das Seegras erfüllt nicht nur im Lebensraum Meer mehrere ökologische Aufgaben. Sogar als braune Haufen am Strand übernimmt es noch eine Funktion: Es dämpft die anrollenden Wellen und verhindert damit, dass zu viel Sand von der Küste abgetragen wird.

Die runde Form der auch als Neptunbälle bezeichneten Seegraskugeln entsteht durch Wellenbewegungen in Flachwasserbereichen
Die runde Form der auch als Neptunbälle bezeichneten Seegraskugeln entsteht durch Wellenbewegungen in Flachwasserbereichen (Foto: ximateix!)

Auch im Mittelmeerraum wurde die dort übliche Seegras-Variante, das Neptungras, an vielen Orten traditionell als Baumaterial genutzt. Zwar besinnt man sich heute wieder darauf, zum Beispiel auf der Baleareninsel Formentera, wo das Neptungras beim Hausbau Verwendung findet. Allerdings sind die Seegrasvorkommen in der Region sowohl vom Klimawandel als auch durch den Schiffsverkehr in ihrer Existenz bedroht.

Seegras im Ballen als Dämmmaterial ist unter anderem bei www.seegrashandel.de zu bekommen. Kissen, Matratzen oder Schuheinlagen füllt Kristian Dittman in Handarbeit mit Seegras. Ein Besuch auf www.strand-manufaktur.de lohnt sich.

Quellen:

www.sueddeutsche.de – Verdämmt noch mal!

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Über Astrid Albrecht-Sierleja 158 Artikel
Astrid Albrecht-Sierleja verfügt als langjährige Malerin und Lackiererin über ausgesprochen praxisorientiertes Wissen und kennt als Produkt-Designerin die Vielfalt gestalterischer Möglichkeiten im Wohn- und Arbeitsbereich. Astrid erreicht ihr unter a.albrecht@everyday-feng-shui.de

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