Pflanzen mögen Streicheleinheiten: Berühren erwünscht – Betreten erlaubt!

Man schließe die Augen, versetze sich in Gedanken in eine sommerliche Landschaft, halte das Gesicht der leichten Brise entgegen und spüre den zarten, warmen Wind auf der Haut. Gleicht das Gefühl nicht einem angenehm sanften Streicheln? Wie wohlig müssen sich Pflanzen fühlen, die sich täglich vom Wind berühren lassen. Tatsächlich werden oft berührte Pflanzen besonders robust.

Liest man viel zu oft in Deutschland: Betreten der Rasenfläche verboten!
Liest man viel zu oft in Deutschland: Betreten der Rasenfläche verboten! (Foto: MiGowa / Flickr)

In allen gepflegten Grünanlangen und schönen botanischen Gärten heißt es immer: „Nicht auf das Gras treten“ und „Berühren verboten“. Denn das Anfassen der Blumen und das Betreten der Rasenfläche müsse den Pflanzen schaden, ist die verbreitete Meinung. Tatsächlich fanden Forscher heraus, dass Pflanzen besonders klein bleiben, wenn sie ausgiebig berührt werden. Und manche oft gestreichelten Pflanzen blühen auch viel später als ihre „unberührten“ Pendants. Wer möchte schon kleinwüchsige Spätblüher?

Robuste Windflüchter

Nun ging die Erforschung der erstaunlichen Reaktionen der Pflanzenwelt aber weiter. Und siehe da: Der vermeintliche Nachteil der kleinen, viel berührten Pflanzen wandelte sich mit einem Mal zu einem Vorteil. Denn die gestreichelten Exemplare erwiesen sich als besonders widerstandsfähig. Sofort einleuchtend ist das, wenn man sich die „Windflüchter“ an der Ostseeküste vor Augen führt. Eher kurz, aber dick und dabei ziemlich krumm wachsen die Bäume, die sich dem ständigen Wind vom Meer angepasst haben. So halten sie dem Sturm besser stand als jedes hübsch gerade gewachsene grazile Exemplar derselben Art.

Windflüchter gelten als besonders robust
Windflüchter gelten als besonders robust (Foto: Maciej / Flickr)

Auch die Schädlingsabwehr gelingt vielen Pflanzen mit regelmäßiger Berührung besser als ohne die Streicheleinheiten. In Versuchen konnten Pilze, Viren und Bakterien den mechanisch gestreichelten Pflanzen deutlich weniger anhaben als den unter „normalen“ Bedingungen gewachsenen Exemplaren. Mit den Verboten in Gärten, Parks und botanischen Anlagen könnte es also bald vorbei sein. Es müsste vielmehr heißen: Bitte berühren und betreten, denn das stärkt unsere Pflanzen!

Getreidetreten in Japan

In Japan wissen die Landwirte übrigens schon seit Jahrhunderten vom guten Effekt des Berührens für ihre Nutzpflanzen. Statt die Kinder wie hierzulande ständig zu ermahnen, bloß nicht auf den Acker zu gehen, wenn dort schon erste kleine Pflänzchen grünen, werden dort sogar ganze Kindergruppen aufs Feld geschickt. Das Getreidetreten (Mugifumi) hat Tradition, denn wo viel getrampelt wird, wachsen Weizen und Gerste umso robuster.

Traditionelles Getreidetreten in Japan
Traditionelles Getreidetreten in Japan (Foto: Mikio Mori)

Nun haben Forscher – leider – auch noch das Gen bestimmt, das für den Wachstumsstopp bei Berührung verantwortlich ist. Leider, denn nun wird es sicherlich bald darum gehen, die Gene der Nutzpflanzen so zu verändern, dass sie zwar widerstandsfähig und schädlingsresistent, dabei aber trotzdem möglichst groß werden. Kinderscharen auf Getreideäckern sind dann nicht mehr nötig. Ein kleiner Dreh am Gen gaukelt dann den Pflanzen vor, sie würden ausgiebig berührt und verleitet sie dennoch zum schnellen Wachstum. Schade.

In meinem Garten jedenfalls werde ich das Betreten und Berühren, das durch die Kinder nicht immer unbedingt auf zärtliche Weise, sondern eher beiläufig geschieht, künftig mit anderen Augen betrachten. Hier ist ab sofort Anfassen erlaubt, und ich bin gespannt auf viele kleine, zähe Pflanzen.

Manche Pflanzen wehren sich

Nicht alle Pflanzen "mögen" Berührungen: Der Riesen-Bärenklau kann schlimme Hautreizungen hervorrufen
Nicht alle Pflanzen „mögen“ Berührungen: Der Riesen-Bärenklau kann schlimme Hautreizungen hervorrufen (Foto: free photos & art / flickr)

Aber Vorsicht: Nicht jede Pflanze mag die menschliche Berührung. Und das macht sie im Zweifel schmerzhaft deutlich wie zum Beispiel der Riesenbärenklau. Ein freundlich gemeintes Streicheln kann schlimme Hautreizungen hervorrufen, die schweren Verbrennungen ähneln. Im warmen Sommer wird es noch Schlimmer. Denn bei Hitze gibt der Riesenbärenklau seine Giftstoffe in die Umgebungsluft ab. Es drohen Atemnot, Fieber und Kreislaufschock. Um derart giftige Exemplare sollten Pflanzenfreunde also lieber einen großen Bogen machen.

Quelle:

www.sueddeutsche.de – Pflanzenstreicheln ist kein Aberglaube

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Über Astrid Albrecht-Sierleja 158 Artikel
Astrid Albrecht-Sierleja verfügt als langjährige Malerin und Lackiererin über ausgesprochen praxisorientiertes Wissen und kennt als Produkt-Designerin die Vielfalt gestalterischer Möglichkeiten im Wohn- und Arbeitsbereich. Astrid erreicht ihr unter a.albrecht@everyday-feng-shui.de

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