Die Angst vor der Natur

In unserer gegenwärtigen Zivilisation scheint der Kampf zwischen Natur und Technik längst entschieden: Die Technik ist gut – die Natur ist böse!

Die Angst vor der Natur sitzt tief bei vielen Menschen
Die Angst vor der Natur sitzt tief bei vielen Menschen (Foto: Stefan Brönnle)

„Aber ich liebe doch die Natur!“ werden nun viele sagen. Dabei glauben wir mit aller Überzeugung ein Spaziergang im Park oder eine kurze Wanderung auf einem Forstweg sei ein „Ausflug IN die Natur“. Weit gefehlt, es ist nichts anderes als ein Museums- oder Kinobesuch. „Natur“ – oder vielmehr gezähmte, kontrollierte natürliche Organismen – werden hier betrachtet, angesehen, wie auf der Leinwand oder hinter dem Schaukasten des Museums. Ein wirkliches Bewegen IN der Natur dagegen ist für viele mit Ängsten behaftet.

Die Ankündigung während eines Geomantieseminars ein oder zwei Nächte z.B. im Wald zu verbringen, jagt vielen schon mal eine Heidenangst ein. Die zweite Ankündigung, dabei auch noch auf eine trennende Zeltwand zu verzichten ist für die meisten dann schon ein Grund fürs Fernbleiben. So tief sitzt unsere vermeintliche „Liebe zur Natur“.

Dies soll weder Vorwurf noch Häme sein, vielmehr eine Bestandsaufnahme. Der Mensch hat sich von der Natur getrennt und diese Trennung reicht tief in das emotionale Erleben. Unsere Massenmedien leisten dazu einen starken Beitrag: Über 20 Jahre hinweg wurde so z.B. die Angst vor dem Fuchsbandwurm geschürt. Als gelernter Landschaftsökologe wurde ich schon zu Studienzeiten von Kommilitonen bei Waldexkursionen mit ängstlichem Blick auf diese Gefahr hingewiesen, wenn ich mir ein paar Brombeeren in den Mund schob. Die Irrationalität dieser Angst vor etwas, das aus der Natur kommt, zeigt sich schon darin, dass Blaubeeren aus dem Supermarkt, die „sauber“ in Plastikfolie verpackt gekauft werden können, gerne gegessen werden. Als würde ein Fuchs vor Blaubeerfeldern halt machen (mal vom Weichmacher in der Plastikumhüllung ganz abgesehen)!

Rotfuchs im Wald: Aus Angst vor dem Fuchsbandwurm meiden viele Menschen Waldbeeren
Rotfuchs im Wald: Aus Angst vor dem Fuchsbandwurm meiden viele Menschen Waldbeeren
(Foto: Chris Parker)

Es schien ja auch alles „wissenschaftlich bestätigt“ wie es stets so schön heißt. Über 20 Jahre lang wurde eine „wissenschaftlich bestätigte Angst“ geschürt und von Zeitungen und Illustrierten regelmäßig zur Beerensaison in die Öffentlichkeit gebracht: „Esst keine wilden Waldbeeren!“ Nun stellte sich heraus, dass keineswegs die „wissenschaftlich bestätigte“ Gefahr vor dem, was da aus der Natur kommt, Ursache der Angst war, vielmehr war die Angst vor der Natur Ursache für eine wissenschaftliche Annahme, der Fuchsbandwurm KÖNNTE über den Kot auf Beeren gelangen und schließlich so den menschlichen Organismus erreichen. Hier kommt es zur sogenannten Echinokokkose, die nach und nach die menschlichen Organe zerstört.

Nun jedoch musste man feststellen, dass ein solcher Übertragungsweg schlicht nicht möglich ist. Professor Klaus Brehm, Biologe am Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg gibt z.B. Entwarnung: „Die Infektion mit dem Fuchsbandwurm zählt damit zu den seltensten Parasitosen Europas“ (Quellen: www.apotheken-umschau.de/keine-angst-vor-waldbeeren oder www.weiland-wissen.de/fuchsbandwurm). Vielmehr gelangen die Eier des Fuchsbandwurms unmittelbar über verunreinigte Hände in den menschlichen Organismus. Grund ist in der Regel der Kontakt mit Haustieren, seltener der Kontakt mit mit Fuchsbandwurmeiern infizierter Erde. Zahl der Menschen, die über das Essen von Waldbeeren mit einem Fuchsbandwurm infiziert wurden: NULL!

Dennoch wirkt die Angst vor der Natur weiter. Selbst Artikel, die auf diesen Sachverhalt hinweisen, raten „aus Sicherheitsgründen“ dennoch zum intensiven Waschen der Beeren.

Wie viele Menschen sind nach dem Bärlauchsammeln tatsächlich von einer Maiglöckchen-Vergiftung dahingerafft worden?
Wie viele Menschen sind nach dem Bärlauchsammeln tatsächlich von einer Maiglöckchen-Vergiftung dahingerafft worden? (Foto: Rupert Ganzer)

Ein anderes Beispiel sind die alljährlich im Frühjahr wie Blätter aus dem Boden sprießenden Zeitungsartikel über die „Gefahr des Bärlauchsammelns“. Stets wird auf die Verwechslungsgefahr mit dem Maiglöckchen hingewiesen. Googelt man die Begriffskombination „Maiglöckchen“ und „Bärlauch“, so findet man die mantrenartige Wiederholung von „vielen“ oder „mehreren Todesopfern“, die solche Verwechslungen regelmäßig verursachen würden. Fakt ist jedoch: In der Schweiz, wo es vor allem im Jura große Flächen mit Bärlauch gibt und das Bärlauchsammeln schon beinahe Volkssport ist, gab es in den letzten 30 Jahren keinen einzigen schweren Vergiftungsfall durch Maiglöckchen beim Bärlauchsammeln! Allerdings hat die Giftzentrale (Toxzentrum) weit über 1000 Anfragen zur Gefährlichkeit erhalten. Die Gefahr sitzt im Kopf! Auch wird die Giftigkeit des Maiglöckchens stark überschätzt. In den USA sind unter 2639 Zwischenfällen mit irgendeinem Teil der Pflanze keine Todesfälle aufgetreten, und nur drei Patienten hatten ernstere Störungen. Meist sind es Kinder, die die roten Früchte essen und keinesfalls ein versehentliches Verspeisen der Blätter im Bärlauchsalat. Viel gefährlicher wäre da eine Verwechslung mit der Herbstzeitlosen. Die letale Dosis ihres Inhaltsstoffs Colchicin beträgt 20 bis 30 mg. Dazu müsste man eine durchschnittliche Salatportion essen (Quelle: www.pharmazeutische-zeitung.de/pfluecken-mit-tuecken).

Noch ein kleines Beispiel der induzierten Angst vor der Natur: 2013 kamen östlich von Berlin 45 Wolfswelpen zur Welt. Grund genug für die an „Naturaphobie“ Leidenden, von einer „unkontrollierten Ausbreitung“ zu sprechen (Quelle: www.welt.de/angst-vor-woelfen-waechst).

Wolfsbegegnung im Wald - für viele Menschen eine Horrorvorstellung
Wolfsbegegnung im Wald – für viele Menschen eine Horrorvorstellung (Foto: skedonk)

Vergleichen wir die Zahl derer, die sich einen Fuchsbandwurm durch das Essen von Waldbeeren in den letzten 20 Jahren zugezogen haben (=0) und derer, die daran starben, weil sie beim Sammeln von Bärlauch auch ein Maiglöckchenblatt mit erwischten (=0) mit der Zahl der Verkehrstoten in Deutschland (ca. 60000) so wird die absurde aber tiefsitzende Angst vor der Natur offenbar. Selbst die Gefahr an Kugelschreibern zu sterben ist größer: Jährlich sterben 100-300 Personen weltweit daran, weil sie beim Herumnuckeln an ihrem Schreiber Kleinteile in die Luftröhre bekommen.

Diese ablehnende Haltung der Natur gegenüber wird oft Kindern schon in jungen Jahren eingeimpft, da Eltern dunkle und uneinsichtige „Naturorte“ (und dies kann schon eine Baumgruppe in der Nähe eines Spielplatzes sein) als mögliche Gefahrenorte zu erkennen glauben. Nach einer Untersuchung von Hallmann im Rahmen des LBS Kinderbarometers NRW 2003 und 2004, bei der 9-14 Jährige befragt wurden, geben Kinder bei der Angabe von „Unsicherheitsorten“ in der Wohnumgebung zumeist Naturorte an und nicht z.B. die nahe Straße. Die Angst vor der Natur wird oft schon durch Märchen – man erinnere sich an „Hänsel und Gretel“ oder „Rotkäppchen“ – mitgeprägt, obwohl es in Deutschland kaum noch Waldbestände gibt, in denen man sich tatsächlich so verirren kann, dass man auf keinen Weg oder andere Anzeichen der Zivilisation mehr trifft, ganz zu schweigen von den im Grunde nicht vorhandenen Wölfen in unseren Wäldern. Dennoch bleibt die Angst, wie obiges Beispiel über die „unkontrollierte Ausbreitung“ von Wölfen zeigte.

Dabei wäre gerade ein intensiver „Naturkontakt“ (wohlgemerkt, das meiste, was unsere Wohnumgebung prägt, ist keine Natur sondern Kulturlandschaft!) für Kinder und auch Erwachsene extrem wichtig.

Warum wir Angst vor der Natur haben

Kinder brauchen die unmittelbare, kraftspendende und liebevolle Hinwendung zur Natur. Denn die Natur entspricht ihrem innersten Wesen. In ihr, der Natur, spiegelt sich die Vitalkraft des Kindes, der Eifer des spielerischen Ausprobierens, das bedingungslose Annehmen dessen, was ist und nicht zuletzt auch leider der innere Konflikt der Kindeswelt mit der mental orientierten Lebensweise der meisten Erwachsenen.

So wird das kindliche Erleben der Natur zu einem freundschaftlichen Angenommensein, zur Begegnung mit einem metaphysischen und doch durch und durch materiellen Vertrauten. Ein Baum muss sich nicht bewegen um Bewegtheit hervorzurufen, ein Grashalm muss nicht erstarren um Stille zu vermitteln, der Wind braucht keine Physis um zu streicheln. Das Erleben der metaphysischen Präsenz in der Natur ist gleichsam ein unmittelbares Erleben der eigenen inneren Authentizität.

Gilt dies auch für alle Erwachsenen, so ist doch diese unmittelbare Erfahrbarkeit jenseits des rationalen Verstandes im Kind ungleich größer. So ist die Natur selbst auf eine bestimmte Art kindhaft, da unmittelbar und authentisch. Dies spürt das Kind, dies weckt in ihm die Vitalität, die Spontanität und die Kraft für den sogenannten „Alltag“, der leider immer mehr von kalten, maschinell-mentalen Verhaltensweisen überrannt wird, bis selbst einem Kind der unmittelbare Zugang zur allgegenwärtigen Kraft digital verbaut wird.

Es wäre so einfach: Jedem Kind seinen Baum, seine Wiese, seine Wolke und wir hätten Kinder, die der Menschheit einen Bewusstseins-Quantensprung schenken würden.

Es wäre doch so einfach: Jedem Kind seinen Baum!
Es wäre doch so einfach: Jedem Kind seinen Baum! (Foto: Stefan Brönnle)

Jedem Kind sein Smartphone und wir erleben das Eingefrorensein des Bewusstseins in digitalen Prozessen. Digitalisierten Trollen gleich erstarrt die Lebenskraft und kreatives Bewusstsein wird zu funktionierenden Programmketten degradiert.

Kinder brauchen die Natur …und Erwachsene auch. Ohne die Natur wird der Mensch zum Verstandeszombie – lange, bevor er körperlich verhungert. Lassen wir das nicht zu. Beginnen wir damit, Kindern und dem Kind in uns wieder Zeiten des Naturseins zu schenken!

 

Über den Autor

Stefan Brönnle
Stefan Brönnle

Stefan Brönnle ist Landschaftsökologe und Geomant. Er gibt sein Wissen in Büchern, Publikationen und Seminaren weiter (www.inana.info).

Darüber hinaus arbeitet er als geomantischer Berater und Gestalter für Privatpersonen, Firmen und Kommunen (www.stefan-broennle.de).

Tipp! Aktuelles Seminar zum Thema: 4.-7.9.2014 – Feng Shui Spektrum Köln: Geistige Wesen in der Natur, Dozent: Stefan Brönnle
 

Kontakt zum Autor:

Büro für geomantische Planung
Dipl.Ing. Stefan Brönnle
Kloster Moosen 12
84405 Dorfen
Tel: 08081/8761
Email: info@stefan-broennle.de
Web: www.stefan-broennle.de

 

2 Kommentare

  1. Oh ja, diese Angst kenne ich auch. Mir ist klar, dass sie irrational ist und ggf. auch aus früheren Inkarnationen herrührt. Dennoch existiert sie.
    Ich selbst habe sie erfahren und erfahre sie noch immer, wenn ich Wildkräuter sammel und esse. Danach lausche ich oft sehr angestrengt in meinen Körper, um nach möglichen Vergiftungserscheingungen zu spüren.
    Aber ich bin mir sicher, dass das schon wird.

  2. Berührend und sooo wahr!!! Ich selbst habe diese erstaunliche Angst vor der Natur erlebt, als ich, nur mit Schlafsack und Isomatte, eine Nacht in einem stockdunklen Wald verbracht habe. Ich konnte kaum glauben, wie tief diese Angst war. Ich konnte NICHTS sehen und bin vor Schreck bald gestorben, als ein Marder(?) neben meinem Kopf auftauchte. Er übrigens auch, so laut, wie der aufgeschrien hat. In der Nähe grunzte und schmatzte eine ganze Rotte Wildschweine und ich wusste nicht, ob es wirklich hilft, wenn man um sein Schlaflager herum Pipi gemacht hat. Erst im Morgengrauen bin ich schließlich richtig eingeschlafen. Seitdem weiß ich, wie fremd die Natur mir in Wahrheit noch ist – und das, obwohl ich mit ihr kommuniziere und Bücher darüber schreibe. Ich bemühe mich um ein immer besseres Verhältnis zu ihr und erkenne, dass diese Trennung tief in unsere Kultur eingebrannt ist. Eine Herausforderung, der wir uns stellen dürfen.

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