Feng Shui und der Bagua-Spiegel

Rund um Feng Shui gibt es viele Mythen, Legenden und Missverständnisse, die im Laufe der Zeit zum festen Bestandteil dieser Erfahrungslehre wurden. Dazu gehören die sogenannten „Feng-Shui-Hilfsmittel“, die nach Meinung ihrer Hersteller, unabdingbar für gutes Feng Shui sind. Ein solches Hilfsmittel ist der „Bagua-Spiegel“. Lesen Sie, was sich tatsächlich hinter dem Spiegel versteckt und ob Sie wirklich die WC-Türen in der Wohnung mit dem ästhetisch bedenklichen Ding dekorieren sollen.

Modernes Bagua-Spiegel Bild: Fengshuimestari (Own work) CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons
Modernes Bagua-Spiegel
Bild: Fengshuimestari (Own work) CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons

In jedem Mythos steckt ein Körnchen Wahrheit drin. Meisten ist das Körnchen aus dem Ursprung, der Quelle der mystischen Überlieferung übrig geblieben. So verhält es sich auch beim Bagua-Spiegel, dem achteckigen Ding aus Glas, das an Türen aufgehängt, böses Chi abwehren soll. Ja, es gab ihn tatsächlich, den magischen Spiegel „Bagua Jing“, der vor ca. 4.500 Jahren zum ersten Mal verwendet wurde.

Was war das für ein Ding und wie unterscheiden sich die modernen, von den traditionellen Bagua-Spiegeln? Die folgende Aufstellung schafft ein wenig Klarheit.

antike Bagua Jing moderne Bagua-Spiegel
Alter ca. 4.500 Jahre, Shang-Dynastie ca. 30 Jahre
Material Bronze-Legierungen auf Hochglanz poliert Glasplatte mit Metallschicht
Herstellung handwerklich, von Ritualen begleitet, geweiht industriell ohne spirituellen Hintergrund
Wert unschätzbar, unverkäuflich ab ca. 1,- € (Drogerie-Discounter)
Form meistens rund, für spezielle Anwendungen quadratisch, immer nach außen gewölbt (konvex) meistens achteckig und flach
Symbole keine auf der Vorderseite, auf der Rückseite die acht Trigramme (HoTu) oder Tierzeichnungen die acht Trigramme auf der Vorderseite
Anwendung immer außen an oder über der Eingangstür angebracht ohne feste Regeln, häufig in Innenräumen, an Bad- oder WC-Türen
Wirkung mystisch-spirituell, Schutzsymbol, Offenbarung fragwürdig, Placebo

 

Die aufgeführten Fakten lassen erkennen, dass die modernen Bagua-Spiegel außer der Grundidee, vor etwas zu beschützen, keine Gemeinsamkeiten mit dem traditionellen Bagua Jing haben. Die Schutzwirkung resultiert nicht aus dem Gegenstand an sich, sondern aus dem Gesamtpaket, das aus der Herstellungsart, dem Material, den rituellen Handlungen und spirituellen Einflüssen besteht. Ich nehme nicht an, dass bei der Herstellung der marktüblichen Bagua-Spiegel Spiritualität, daoistische Tradition oder besondere Sorgfalt bei der Materialauswahl eine Rolle spielen. Hier zählt vor allem Profit der Hersteller und Händler, was in einer freien Marktwirtschaft absolut legitim ist. Damit bleibt aber ihre Wirkung auf der Strecke. Streng genommen, sie sind eine Verunglimpfung traditioneller Symbole eines Kulturkreises. Im alten China wäre niemand auf die Idee gekommen, ein Bagua Jing an der Klotür aufzuhängen, zumal es damals gar keine Toiletten in Innenräumen gab. Wer zuerst auf diese Idee kam, das konnte ich leider nicht herausfinden.

Fazit:

Gutes Feng Shui braucht keine modernen Bagua-Spiegel. Ihre Verwendung sollte auch unter optisch-ästhetischen Gesichtspunkten kritisch geprüft werden.

Und nächste Woche nehme ich die chinesischen Glückmünzen unter die Lupe. Bis dahin wünsche ich allen Lesern eine glückliche Zeit – mit oder ohne Bagua-Spiegel.

Hedwig Seipel

 

Die Inhalte des Beitrags basieren auf folgenden Quellen:

Frank Behrendt und Nguyen thi Chau: „Magische Spiegel“, Feng Shui Journal 6/2003, Human Touch Medienproduktion GmbH, Klein Jasedow

Jue Chen: „The Mystery of an „Ancient Mirror“: An Interpretation of Gujing ji in the Context of Medieval Chinese Cultural History“, East Asian History, Nr. 24/2004, Institute of Advanced Studies Australian National University

 

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