Shan Shui: Chinesische Landschaftsmalerei damals & heute

Shan Shui ist eine besondere Form der chinesischen Landschaftsmalerei, die den gleichen Wurzeln entspringt wie Feng Shui. Zeitgenössische chinesische Künstler haben Shan Shui in jüngster Zeit als vielseitig einsetzbare Ausdrucksform wiederentdeckt. Eine Ausstellung in Luzern zeigt ihre Werke.

"Early Spring", Shan Shui Gemälde: Tinte auf Seide, Guo Xi (1020–1090)
"Early Spring", Shan Shui Gemälde: Tinte auf Seide, Guo Xi (1020–1090)

Während Feng Shui in den letzten 30 Jahren auch in der westlichen Welt recht populär geworden ist, haben die meisten „Langnasen“ von Shan Shui noch nie etwas gehört. Dabei gehört Shan Shui (山水), das wörtlich übersetzt „Berg-Wasser“ bedeutet, mit seiner über 1500-jährigen Tradition zum Kulturerbe der Menschheit. Als Shan Shui bezeichnet man eine besondere Art der chinesischen Malerei, deren unverzichtbare Bestandteile Berge und Wasser sind.

Shan Shui jedoch als gewöhnliche Landschaftsmalerei abzutun, greift eindeutig zu kurz. Anders als Landschaftsmalerei europäischer Kulturtradition folgt Shan Shui strengen Konventionen und konnte sich auf diese Weise als ein Medium für die Befindlichkeitsvermittlung des Menschen und für sein Verhältnis zur Lebensumgebung entwickeln. Der Künstler überträgt seine Gefühle und Empfindungen mit sorgsamen Pinselstrich auf das Papier und dem chinesischen Betrachter erschließt sich bei der kontemplativen Betrachtung des Bildes sogleich die Bedeutung, da er mit den präzisen Codes dieser Kunstform vertraut ist.

Eine für uns unvertraute Bildersprache

Wir als westliche Betrachter müssen diese Bildersprache erst erlernen, damit wir den Reichtum der „Berg-Wasser-Malerei“ selbst erfahren und gleichsam den Stellenwert des Shan Shui in der chinesischen Kunstgeschichte richtig ermessen können. Allerdings haben Feng Shui Interessierte hier einen entscheidenden Vorteil: Sie sind bereits mit den Konzepten des Taoismus von harmonischer Ausgewogenheit, lebendigen Strukturen und zirkulierender Lebenskraft vertraut.

Auch die drei wesentlichen Kompositionsregeln von Shan Shui Gemälden dürften jedem Feng Shui Spezialisten bekannt vorkommen:

"Lofty Mount Lu", Shan Shui Gemälde aus der Ming-Dynastie: Tinte und Farbe auf Papier, Shen Zhou (1427 - 1509)
"Lofty Mount Lu", Shan Shui Gemälde aus der Ming-Dynastie: Tinte und Farbe auf Papier, Shen Zhou (1427 - 1509)

1. Wege / Wasserläufe
Wege sollten niemals gerade sein. Vielmehr sollten sie „mäandrieren“ wie ein Fluss. Es darf niemals der Eindruck erweckt werden, als seien sie etwas Anorganisches. Wege werden in der Shan Shui Malerei dafür benutzt, um lebendige Muster zu imitieren, wie sie die Natur erzeugt.

2. Grenzbereich / Horizont
Wege sollten zum Horizont bzw. zum Grenzbereich zwischen Berg und Himmel führen und den Betrachter auf besondere Art und Weise willkommen heißen. Während Wege durchaus in einem diffusen und nicht exakt umrissenen Grenzbereich enden dürfen, sollte der Umriss des zentralen Berges auf dem Gemälde stets eindeutig definiert sein.

3. Das Herz
Der Fokuspunkt von Shan Shui Gemälden, in der Regel ein Berg oder Bergmassiv, wird auch als Herz bezeichnet. Alle Bildelemente führen schließlich zu diesem einen Kulminationspunkt, der die Bedeutung des Gemäldes trägt.

Was die Formensprache und die Farbkombination betrifft folgt Shan Shui zudem strikt der Fünf-Elemente-Lehre und ihren Wandlungsphasen. Hierbei ist es jedoch nicht entscheidend, dass Farben und Formen wie reale Objekte aussehen oder so dargestellt werden, wie sie tatsächlich in der Natur beobachtet werden können. Shan Shui soll vielmehr zum Ausdruck bringen, was der Künstler bei der Betrachtung der Landschaft gefühlt und gedacht hat. Es wird also ein gewisser künstlerischer Abstraktionsgrad erreicht. Dies ist übrigens auch der Grund dafür, warum Feng Shui als Kunst bezeichnet werden kann, da hier auf einer ähnlichen Abstraktionsebene Elemente der Natur imitiert und arrangiert werden.

Die Wiederentdeckung des Shan Shui in heutiger Zeit

Chinesisches Landschafts-Tattoo, Huang Yan, 1999
Landschafts-Tattoo, Huang Yan, 1999

Während über 1000 Jahre lang die Landschaftsmalerei das vorrangige Thema in der chinesischen Kunst war, hatte Shan Shui im 20. Jahrhundert seinen Stellenwert zugunsten propagandistischer Kunstformen, bei der die menschliche Figur ins Zentrum rückte, verloren. Erst im Laufe der letzten Jahre haben zeitgenössische chinesische Künstler die Landschaftsmalerei für sich als unendlich formbare Ausdrucksform wiederentdeckt.

Das Kunstmuseum Luzern (Schweiz) widmet Shan Shui gerade eine Ausstellung: „Shanshui. Poesie ohne Worte? Landschaft in der chinesischen Gegenwartskunst. Werke aus der Sammlung Sigg“. Wenn ihr die Gelegenheit habt, empfehlen wir euch, diese hochkarätige Ausstellung unbedingt einmal zu besuchen. Sie findet vom 21. Mai bis 2. Oktober 2011 statt und wird kuratiert von Ai Weiwei, Peter Fischer und Uli Sigg. Die öffentliche Vernissage ist am Freitag, den 20. Mai um 18.30 Uhr im Kunstmuseum Luzern.

Kein Bestandteil der Ausstellung, jedoch ein Beispiel für die vielseitige Verwendbarkeit der Bildsprache des Shan Shui zeigt folgende Umweltschutzkampagne der Agentur JWT, die im Auftrag der „China Environment Protection Foundation“ in Shanghai durchgeführt wurde:

Global Warming: "Don’t let nature come to an end."
Global Warming: "Don’t let nature come to an end."
Industrial Pollution: "Leave nature alone."
Industrial Pollution: "Leave nature alone."
Automotive pollution: "Leave nature alone."
Automotive pollution: "Leave nature alone."

 

Video: Shan Shui Umweltkampagne von JWT

www.everyday-feng-shui.de

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