Soziale Allergie: Ganz gelassen gegen das Generve

Die Jugend hat weder Manieren noch Respekt. Das wusste schon Sokrates. Viel scheint sich bis heute nicht geändert zu haben. In einer aktuellen Umfrage befanden Dreiviertel der Deutschen, Kinder sollten in einem Schulfach das Benehmen lernen. Dabei könnten bessere Umgangsformen auch vielen Erwachsenen das Leben erleichtern.

Besser nicht: Nasebohren im Büro
Besser nicht: Nasebohren im Büro (Foto: HazPhotos / Flickr)

Die Hälfte der Deutschen wünscht sich laut einer Umfrage von YouGov Benehmen als Pflichtfach in der Schule. Ein weiteres Viertel plädiert für ein Wahlfach, in dem die guten Manieren vermittelt werden sollen. Der Wunsch, das Benehmen in einem eigenen Unterrichtsfach zu lehren, ist demnach offenbar weit verbreitet. Dazu passt die ebenso allgegenwärtige Ansicht, dass der Jugend der Respekt vor den Älteren fehlt.

Vorbilder sind Mangelware

Aber: Benehmen sich denn Erwachsene wirklich so, dass ihnen Respekt gebührte? Und lassen sich gute Umgangsformen tatsächlich als Unterrichtsfach vermitteln? Wahrscheinlich lassen sich doch Verhaltensweisen wie Höflichkeit und gutes Benehmen am besten durch Vorbilder vermitteln. Ich fürchte, an diesen guten Vorbildern mangelt es an vielen Orten. Ein Unterrichtsfach dürfte da wenig ausrichten können.

Seltenes Bild in der Öffentlichkeit: Ein Concierge hält einer jungen Frau die Autotür
Seltenes Bild in der Öffentlichkeit: Ein Concierge hält einer jungen Frau die Autotür
(Foto: Porto Bay Trade / Flickr)

Gute Umgangsformen sind in der Öffentlichkeit im Allgemeinen eher rar. Man denke an den Straßenverkehr, in dem sich einander völlig fremde Menschen wüst beschimpfen. Oder an den Dienstleistungssektor und den Einzelhandel, die oft mit dem Sammelbegriff „Servicewüste“ betitelt werden. Gleichzeitig müssen sich die Beschäftigten aus dem Bereich von ihren Kunden allerhand gefallen lassen.

Es scheint eine allgemeine Gereiztheit um sich zu greifen. Jedenfalls überall dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Das Genervtsein von Mitmenschen und ihren Eigenheiten hat die Autorin Myriam Salome Apke von allen Seiten untersucht und ihre Erkenntnisse in einem ausführlichen, aber sehr kurzweiligen Beitrag aufgeschrieben.

Gibt es eine soziale Allergie?

Darin ist zum Beispiel die Rede von der sozialen Allergie, wenn die Gegenwart bestimmter Personen bei Menschen für heftige Abwehrreaktionen sorgt. Das klingt zunächst befremdlich, wird aber bei näherer Betrachtung doch nachvollziehbar. In einer Befragung des Psychologen Michael Cunningham konnte jeder der 150 Teilnehmer sofort eine Person benennen, die besonders nervt. Ich halte mich selbst für einen sehr umgänglichen Menschen. Dementsprechend war ich erstaunt über das Umfrageergebnis. Dann musste ich aber sehr schnell feststellen, dass mir selbst tatsächlich auch eine Person in den Sinn kam, deren Anwesenheit ich nur für sehr kurze Zeit gut aushalten kann.

Jeder ist mal genervt, doch auf manche Personen reagieren wir besonders empfindlich
Jeder ist mal genervt, doch auf manche Personen reagieren wir besonders empfindlich
(Foto: miguelb / Flickr)

Sorgen machen muss ich mir aber nicht. Jedenfalls sagt die Verhaltensforschung, dass Genervtsein an sich gar nichts Schlimmes ist. Denn es zeigt ja an, dass uns etwas stört, und es lässt erst nach, wenn wir uns mit dem Thema beschäftigt haben. Ständiges, allgegenwärtiges Genervtsein kann aber nicht gut sein. Das führt zu Stress, und der fördert sicherlich nicht das ausgeglichene Verhalten. Da verwundert es also nicht, dass die Umgangsformen hierzulande zu wünschen übrig lassen, sobald viele Menschen zusammen sind.

Seltene Gelassenheit

Es geht aber auch anders. Wie schön das ist, ganz unverhofft im hektischen Gewimmel auf freundliche Gelassenheit zu stoßen! Ich war mit meinen Kindern in einem Spielwarenladen. Gerade als ich mich zum Gehen wandte – wir wollten einen Bus erwischen – untersuchte meine Tochter noch schnell ein interessant rasselndes Döschen. Der Deckel sprang auf und heraus purzelten viele, viele kleine Teilchen. Sie kullerten geräuschvoll unter Regale, in Bodenfugen und in alle erdenklichen Winkel. Die Verkäuferin drehte sich zu uns um – und lächelte. Meine Tochter suchte, sammelte, kroch unter jedes Regal, und die Verkäuferin lobte ihr Geschick. Es gab kein unfreundliches Wort, noch nicht einmal einen verzogenen Mundwinkel. Und ich war angesichts der freundlichen Begegnung kein bisschen genervt, dass der Bus längst ohne uns gefahren war.

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Über Astrid Albrecht-Sierleja 157 Artikel
Astrid Albrecht-Sierleja verfügt als langjährige Malerin und Lackiererin über ausgesprochen praxisorientiertes Wissen und kennt als Produkt-Designerin die Vielfalt gestalterischer Möglichkeiten im Wohn- und Arbeitsbereich. Astrid erreicht ihr unter a.albrecht@everyday-feng-shui.de

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