Sprachraum und Muttersprache

Sprache beeinflusst nicht nur das Lebensgefühl, sondern auch die Art zu denken. Um einen deutschen Satz zu bilden, muss man gedanklich einen Bogen spannen, denn sonst wird man ihn nicht schlüssig zu Ende bringen.

Foto: Ron Mader / flickr / CC BY 2.0
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Die deutsche Sprache wird durch zahlreiche Dialekte bereichert

Deutsch ist eigentlich bereits eine sehr präzise Sprache, aber durch die verschiedenen Dialekte und Redewendungen sind noch viel mehr Nuancen möglich. In Deutschland gibt es bis zu 20 Dialekt-Gruppen. (Quelle: Dialekte in Deutschland) In Österreich dürfte die Vielfalt noch größer sein, denn der Sprachgebrauch ist sogar innerhalb einer Region recht unterschiedlich. Viele Wörter gehen im Laufe der Generationen verloren, so dass die Kinder gar nicht mehr alle Ausdrücke verstehen, die ihre Eltern noch kennen. Mundarten sind zweifellos unpraktisch, denn es ist oft sehr mühsam, jemandem zu folgen, der zwar die gleiche Sprache spricht, aber ungewohnte Betonungen und unbekannte Vokabel benutzt. Ganz normale und viel verwendete Wörter werden plötzlich unverständlich, nur weil sie völlig anders ausgesprochen werden. Der Sprach-Rhythmus und die Sprachmelodie können stark abweichen vom eigenen Klangspektrum.

Sprachen schaffen Grundstimmungen

Viele Sprachen klingen grundverschieden und auch wenn man sie nicht versteht – oder vor allem dann! – können wir eine emotionale Grundschwingung wahrnehmen. Das Spektrum reicht von lieblich, herzig, dynamisch, analytisch, trocken, lässig bis hin zu theatralisch, virtuos, hektisch, hart, forsch, eintönig und aggressiv. Es gibt Sprachen, die besonders gut geeignet sind, um romantische Gefühle auszudrücken. Und andere, die fast wie Computerklänge klingen. Töne und Laute, die in einer Sprache vorkommen, sind in einer anderen Sprache gar nicht bekannt. Für deutschsprachige Menschen ist es schwierig, sehr hoch oder sehr tief zu sprechen. Und auch bei Zisch- und Zungenbrecher-Lauten, nasalen Tönen, Kaugummi-Lauten und rasanten Stakkatos sind wir schnell überfordert. Die deutsche Sprache ist gut geeignet für Poeten und Wissenschaftler, aber sie liegt emotional eher im Mittelfeld. Der typisch Deutsche ist weder sonderlich temperamentvoll noch jeiert er pausenlos herum. Zwar kann man das Wienerische durchaus als Raunzen empfinden, wenn man aus einem anderen Bundesland kommt, aber es gibt „Schlimmeres“.

Foto: Ron Mader / flickr / CC BY 2.0
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Heimat ist dort, wo man sich mühelos versteht

Heimat muss kein bestimmter Ort sein, aber wo auch immer wir auf Menschen treffen, die eine Wohlfühl-Sprache sprechen, fühlen wir uns Zuhause. Das muss jetzt gar nicht die eigene Mundart sein, sondern kann auch eine andere Sprache sein, die leicht ins Ohr und leicht von der Zunge geht. Es kommt natürlich auch immer auf die Stimme der Sprecher/innen an. Es gibt Stimmen, die akustischen Folterungen gleichkommen, und andere, die die schönsten Gefühle auslösen. Im Gegensatz zu toten Sprachen wie Latein und Altgriechisch, befinden sich lebendige Sprachen in ständiger Wandlung. Seltene Worte verschwinden aus dem Sprachgebrauch, während zahlreiche neue Wortschöpfungen hinzukommen. Oft ändert sich auch die Bedeutung der Worte. Nicht nicht zuletzt wird Sprache leicht zum Opfer von gezielten Manipulationen, um Menschen zu täuschen. In neuester Zeit fallen viele Ausdrücke der Zensur zum Opfer. Vieles darf nicht mehr gesagt werden: Negerküsse und Zigeunerschnitzel gelten als rassistisch, währen „Indianerbananen“ aktuell noch erlaubt sind. Also Obacht! Das österreichische „Grüß Gott“ könnte glatt eine Beleidung sein für Andersgläubige.

Muttersprache heißt jetzt Elternteil-Sprache

Ja, sogar das Wort „Mutter“ ist nicht mehr unproblematisch, denn damit könnten sich Menschen diskriminiert fühlen, die keine Mutter haben, keine Mütter sind oder geschlechtlich „divers“ unterwegs sind. Der oder die Erziehende könnte ja auch eine Pflegeperson, Oma oder Opa, ein Adoptiv-Mensch oder gar ein Roboter sein. Es wird nicht lange dauern, bis man alle Bücher und Artikel, in denen das Wort „Mutter“ vorkommt, verbietet. Wer ist heutzutage schon eine Mutter, wenn es normal ist, Leihmütter zu beschäftigen und Fremdbefruchtungen durchzuführen? Und sind die meisten Mütter nicht sowieso Rabenmütter, Helikoptermütter oder Wochenend-Mütter? Wer hat heute noch Zeit, sich selbst um seinen Nachwuchs zu kümmern? Man darf gespannt sein, welche Wort-Kreationen uns in Zukunft noch erwarten werden. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Sprachraum schafft Verbindungen über alle politischen Grenzen hinweg. Und auch auf der zeitlichen Achse bleiben wir mit unseren Sprachwurzeln verbunden.

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Über Irmgard Brottrager 833 Artikel
Irmgard Brottrager ist Dipl.Ing. für Architektur und Innenarchitektur, Fachredakteurin und Fengshuiberaterin in Graz. Sie beschäftigt sich vorzugsweise mit Aufgaben, die mit dem Menschen und seinem Umfeld zu tun haben. Irmgard erreicht ihr unter i.brottrager@everyday-feng-shui.de

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