Minimalismus als Lebensstil

Die Einrichtung meiner ersten Wohnung bestand aus einer Matratze, einer Kleiderstange, einem Regal aus Obstkisten, einer Lampe, einem Tisch und zwei Stühlen vom Sperrmüll. Damals erntete ich oft mitleidige Blicke dafür. Heute entspräche die karge Ausstattung absolut dem Zeitgeist.

Im Trend: Minimalismus als Lebensstil
Im Trend: Minimalismus als Lebensstil (Foto: Tom Merton)

Mit Zeitgeist hatte meine Möbelwahl vor Jahren nicht viel zu tun. Zwar fühlte ich mich rundum wohl mit Holzkisten und Kleiderstange. Allerdings war der Grund für meine Bescheidenheit banal: Mir fehlte das Geld für mehr. Vermisst habe ich damals dennoch nichts. Im Gegenteil. Durch den geringen Besitzstand war ein Umzug für mich zum Beispiel eine Leichtigkeit.

Heute ist Minimalismus hip, so befand es jüngst sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Allerdings geht mit diesem Lebensstil meistens ein ganz bewusster Verzicht auf Dinge einher, die man sich durchaus leisten könnte. Wer sich heute für einen minimalistischen Lebensstil entscheidet, besitzt wahrscheinlich eine ganze Menge an materiellen Dingen, die es zunächst einmal loszuwerden gilt.

Konkrete Minimalismus-Ziele

Weg damit! Weniger Zeug sorgt für mehr Klarheit im Kopf
Weg damit! Weniger Zeug sorgt für mehr Klarheit im Kopf (Foto: Chris Hamby)

Um beim groß angelegten Ausmisten nicht den Überblick zu verlieren, bieten sich konkrete Ziele an. So hat sich Jasmin Mittag zum Beispiel eine Frist gesetzt, in der sie alle überflüssigen Dinge abschaffen möchte. Sie ist Mitinitiatorin der Internet-Kampagne „Minimalismus jetzt!“. Gesammelt werden dort konkrete Anregungen und Ideen zum Thema. Wer sich auf den Weg zum minimalistischen Leben macht, findet bei „Minimalismus jetzt!“ jedenfalls eine Menge Denkanstöße.

Wie sich beim Stöbern durch die Minimalismus-Ideen zeigt, sind es gar nicht immer nur materielle Dinge, auf die die Menschen verzichten wollen. Oftmals steht auch weniger Handfestes einem einfachen Leben im Weg. Das kann eine ungeliebte Angewohnheit oder auch eine belastende Beziehung sein.

Konsum auf dem Prüfstand

Minimalismus bedeutet jedenfalls nicht unbedingt, ganz ohne jeglichen Konsum auszukommen. Es geht vielmehr darum, bewusster zu leben und sehr bewusst zu konsumieren. Dazu gehört es, jede Anschaffung zu hinterfragen und auf den Prüfstand der Notwendigkeit zu stellen. Inzwischen gibt es den Austausch über Minimalismus-Fragen nicht nur im Internet. In vielen Städten haben sich Minimalismus-Stammtische gebildet.

Konsumkritik künstlerisch umgesetzt, Graffiti in Liverpool
Konsumkritik künstlerisch umgesetzt, Graffiti in Liverpool (Foto: pixieclaire001)

Die Motivationen, die hinter einem minimalistischen Lebensstil stecken, mögen ganz unterschiedlich sein. Gemeinsamer Ausgangspunkt dürfte aber wohl eine Unzufriedenheit mit dem Status quo sein. Allerdings gehen die persönlichen Empfindungen darüber, was konkret als überflüssig oder sogar belastend empfunden wird, auseinander. Mir sind besonders alle billig hergestellten Kunststoffartikel ein Graus. Auch der Gang durch einen Supermarkt mit seinem Überangebot in endlos langen Regalen quält mich.

Kinder erkennen schnell

Auch Kinder haben durchaus einen Zugang zum Thema. Eine Freundin erzählte mir von einem Erlebnis mit ihren drei Söhnen. Es war vor ein paar Wochen, als die Temperaturen deutlich unter null Grad lagen. Die Freundin war mit ihren Söhnen draußen unterwegs, und die Kinder jammerten wegen der Kälte. Als ihnen ein dunkelhäutiger Junge begegnete, dessen nackte Füße in Flipflops steckten, verstummte das Jammern augenblicklich. Zu Hause gingen die Kinder ans Werk: Schuhregal und Kleiderschränke wurden ausgeräumt, alle entbehrlichen Kleidungsstücke herausgenommen. Eine große Menge kam zusammen, die am nächsten Tag zur Flüchtlingsunterkunft gebracht wurde. Der Blick der Kinder auf die Notwendigkeit der Dinge hat sich in einem einzigen Moment grundlegend gewandelt.

Quellen:

1 Kommentar

  1. Minimalismus macht so vieles einfacher und es lenkt den Blick einfach auf das Wesentliche. Außerdem achtet man sorgsamer darauf mit wem und was man sich umgibt.

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